Materialien

für das Seminarfach - Sekundarstufe II

Seminarfach

Beispiel Seminararbeit:
Theorie der Schulreform

Schulreform

erstellt mit http://www.wordle.net/

Inhaltsverzeichnis

 

I Einleitung
II Schulreformen
2.1. Gründe für Schulreformen
2.1.1. Kritikpunkte an herkömmliche Schulen
2.1.2. Weitere Gründe für Schulreform
2.2. Ziele von Schulreform
2.3. Forderungen der Schulreformer
2.4. Verschiedene Richtungen
III Kritik an Reformvorschlägen
IV Schlussbemerkung
V Bibliographie

nach oben

I Einleitung

In den Medien finden sich immer wieder Artikel, in denen die deutsche Schule in ihrer jetzigen Form kritisiert wird. Es wird von steigender Gewaltbereitschaft und vernachlässigten Werten und Traditionen gesprochen. Die Bildung, und damit die Jugend mit ihr, befindet sich laut dieser Artikel in einer Krise. Mit dieser Feststellung wird auch immer wieder gefordert, dass die Schule zu reformieren sei, um den veränderten Ansprüchen in der Gesellschaft an die Schule und die in ihr geformte Jugend gerecht werden zu können.
Solche Forderungen finden sich nicht nur in den Massenmedien. Auch z.B. Hartmut von Hentig geht in seinem Buch "Die Schule neu denken"(1) davon aus, dass Veränderungen in der Gesellschaft von der Schule hervorgebracht werden müssen. So sagt er: "Der Auftrag [der öffentlichen Schule in einer Demokratie] lautet [...]:Kinder und junge Menschen zu politikfähigen, politikbereiten und verantwortungsbewußten Bürgern zu machen und die Kultur weiterzugeben."(2). Seiner Meinung nach ist die Schule unwirksam in dieser und den herkömmlichen Aufgaben.
Auch andere Autoren sprechen vom Bildungsnotstand(3), der Bildungskatastrophe oder der Bildungskrise.
Das Bildungswesen in Deutschland befindet sich jedoch in einer Krise. Sie ist Ausdruck einer Krise der Erziehung, und dieser liegt eine globale Orientierungskrise einer Welt im Umbruch zugrunde. (4)

Diese Kritik der Schule ist allumfassend und läßt keinen Bereich außen vor. "Es gibt in der Struktur des Schulwesens kein Element, das von der Kritik verschont bliebe."(5)
Aus den Klagen über das Bildungswesen erwachsen immer wieder und immer andere Reformvorschläge. Diese Schulreformüberlegungen sollen das Thema dieser Arbeit sein. Dabei werden Gründe für Schulreformen und Kritikpunkte an herkömmlichen Schulen aufgezeigt, dargestellt, was für Veränderungsvorschläge und Forderungen aus dieser Schulkritik entstanden sind, und beispielhaft einige bekanntere und einflußreichere Strömungen skizziert. Außerdem sollen die Forderungen der Schulreformer kritisch betrachtet werden.

Bevor ich aber zum ersten Punkt komme, möchte ich vorweg den Begriff Schulreform eingrenzen. Schulreform kann sowohl die Reform der Schulstrukturen sein (also zum Beispiel, ob das Gymnasium in 12 oder 13 Jahren zum Abitur führt oder ob die Grundschule 6 Jahre dauert), oder die konkrete Gestaltung einer einzelnen Schule, ihres Unterrichts und ihres pädagogischen Geschehens im ganzen beinhalten. Hier wird der Begriff 'Schulreform' nur nach der letzteren Definition betrachtet. Es interessiert nur die Reform des Unterrichts, nicht aber die Reform der Rahmenbedingungen von Unterricht.

nach oben

II Schulreformen

2.1. Gründe für Schulreformen
2.1.1. Kritikpunkte an herkömmliche Schulen

Schulreformbestrebungen sind dadurch motiviert, dass herkömmliche Schulen als defizitär angesehen werden. Die Ineffektivität von Schulen wird durch drei große Kritikkomplexe begründet:
Zum einen ist es die Kritik an der Unterrichtsschule. Die Fächerstruktur, das Fachprinzip, das Fachlehrersystem und die nach Unterrichtsstunden gegliederte Arbeit bewirken bruchstückhafte und isolierte Lernprozesse. Es wird bemängelt, dass das Lernen zielgerichtet und der Unterricht produktorientiert ist. Kritiker beanstanden, dass der Unterricht eine ausschließlich am Lehrplan orientierte Ausrichtung erfährt und überwiegend wissenschaftsorientierte Vermittlungsformen in das Unterrichtsgeschehen Eingang finden. Insgesamt ist also das Verhaftetsein der Schule an einem traditionellem Bildungsmodell als negativ angesehen.

Der zweite große Kritikkomplex an der herkömmlichen Schule greift das Leistungsprinzip an. Leistungsbeurteilung sei ungünstig, so die Kritiker, weil die Schülerinnen und Schüler hier auf Leistungspersonen reduziert würden. Erfolgserlebnisse werden durch qualifizierte Bewertungen entwertet. Das Konkurrenzdenken wird durch Leistungsbeurteilung gefördert. Hierdurch wird das Lernen individualistisch, wettbewerbs- und konkurrenzorientiert. Dies bildet und begünstigt a- soziale Qualitäten wie Neid und Mißgunst.

Als dritter großer Kritikkomplex zeichnet sich die Lebensferne der herkömmlichen Schule ab. In ihr ist das Lernen aus den Lebenszusammenhängen herausgelöst und wird nicht früh genug mit Erfahrung kombiniert. Es fehlen Beweglichkeit, Arbeits- und Technikbezug.
Die gesellschaftliche und schulische Wirklichkeit klaffen immer weiter auseinander. Der politische, der gesellschaftliche, der kulturelle, der ökonomische und der technische Wandel findet außerhalb der Schule statt. (6)

Es wird eine Isolationsgefahr gesehen, in die die Schule sich begibt, wenn sie sich fern vom Leben aufhält und ihrem Schülerinnen und Schülern nur 'Papierwissen' vermittelt.

nach oben
2.1.2. Weitere Gründe für Schulreform

Doch auch außerschulisch vorgefundene Realitäten beeinflussen Reformbestrebungen. Schule und schulischer Alltag stehen nicht isoliert sondern werden bestimmt durch gesellschaftliche Gegebenheiten. Diese haben sich drastisch gewandelt. Eine Auflistung vieler in den Medien immer wiederkehrender Schlagworte, wie es Rehfus tut, gibt einen ersten Eindruck:
Der neuen Probleme sind Legion: europäische Einigung, Migrationsströme, deutsche Vereinigungskrise, weltweite politische Neuorientierung, Arbeitslosigkeit, kulturelle Krise, Abbau des Wohlfahrtsstaates, Ökologie, technologische Innovationen der Informationstechniken, des Computers und der Gentechnologie, Nord- Süd- und West- Ostgefälle, Überbevölkerung und Geburtenstagnation [...](7)

Aus der Vielfalt, die an außerschulischen Gründen, die eine Schulreform legitimieren, genannt werden könnten, sollen nur einige exemplarisch herausgegriffen werden.
Zum einen ist es die veränderte Lebens- und Arbeitswelt, in der die Menschen weniger arbeiten aufgrund des biographischen Beginns und Endes von bezahlter Arbeit und der verkürzten Jahres und Wochenarbeitszeit. Daraus folgend ist die Errichtung einer Freizeitgesellschaft, die die Stärkung kultureller Eigentätigkeit zur Folge haben muss.
Weiterhin sind die Medienprägung der Kinder und die Problematik der Einkindfamilie zu nennen.
Der Multikulturalismus stellt ebenfalls neue Anforderungen an die Schule: Im Zeichen von Europa und neuen und anderen (Ein-) Wanderungsbewegungen (ausgelöst durch Armuts- und Kriegsflüchtlinge, Gastarbeiter und zunehmende EG- Mobilität) ist es besonders in der Schule unumgänglich, diesen Wandel zur Kenntnis zu nehmen und auf ihn zu reagieren.
Als weiteren bedeutenden Faktor des sich wandelnden gesellschaftlichen Umfeldes von Schule ist die Zerstörung der Sinnsysteme zu nennen. Religionen, gesellschaftliche Utopien und Weltanschauungen gelten nicht mehr als verbindlich.
Die veränderten inner- und außerfamilialen Sozialisationsbedingungen bewirken eine stärkere Individualisierungs- und Selbständigkeitstendenz bei Kindern und Jugendlichen; durch die sich rasch wandelnden Berufs- und Arbeitsplatzbedingungen ist keine konsistente Zukunftsplanung im Sinne einer abgeschlossenen vorstellbaren Berufskarriere möglich, ebensowenig wie eine klare Zukunftsplanung in einer durch Kriege, wirtschaftliche und ökologische Krisen bedrohten Welt und einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft; der wachsenden Einfluß der elektronischen Medien bestimmt und verändert das Freizeitverhalten.(8)

nach oben
2.2. Ziele von Schulreform

Nachdem die Ansatzpunkte der Schulkritik aufgezeigt wurden, ist es notwendig, zuerst die Ziele von Schulreform darzustellen, bevor die konkreten Forderungen vorgestellt werden sollen.
Schulreform zielt auf die Schaffung anderer Organisationsformen. Es sollen neue Lernmethoden und neue unterrichtliche Vorgehensweisen gefunden und eingesetzt werden.
Eine weitere Bestrebung von Schulreform ist es, mehr Freude am Lernen zu schaffen, also dauerhaftere und tragfähigere Motivationsstrukturen aufzubauen. Auch die Förderung der Bereitschaft zum Weiterlernen ist ein Anliegen.
Doch nicht nur Intentionen im Bereich der Lernorganisation und Lernmotivation sind zu finden. Mehr sozialpädagogische, sozialtherapeutische und familenersetzende Maßnahmen werden ebenfalls gefordert.

nach oben
2.3. Forderungen der Schulreformer

Hier soll nun eine Sammlung der von verschiedenen Schulreformansätzen vorgebrachten Forderungen an eine reformierte Schule dargestellt werden. Diese Forderungen lassen sich zu acht thematischen Gruppen zusammenfassen.

Die erste Gruppe von Forderungen an eine neue Schule verlangt von ihr ein anderes Lernen. Nicht mehr bloßes Bücherwissen ist gefragt, sondern ein ganzheitliches und praktisches Lernen.
Lernen ist nicht nur Kopfarbeit, sondern ein ganzheitlicher Vorgang, der Gefühle, den Körper, Sozialbeziehungen, die Energieverausgabung und das Denken ganzheitlich umfaßt. Die Schulzimmer müssen daher zu Werkstätten, zu Lern-, Kommunikations- und Handlungsorten werden.(9)

Lernen soll sich auszeichnen durch Lebensnähe und Praxisbezug. Lernen muss, um effektiv zu sein, projekt- und handlungsorientiert sein. Diese Handlungsorientierung soll den Schülerinnen und Schülern Erfahrung und Einblick in das Leben außerhalb der Schule geben.

Hier wäre ein zweiter, den ersten überschneidenden, Themenkreis der Schulreformüberlegungen anzusetzen: Schule soll das gesellschaftliche Umfeld mit einbeziehen und somit außerschulisches Lernen fördern. Die Schule soll zu einer modernen Stadtteil- oder Nachbarschaftsschule werden und sich sowohl nach innen als auch nach außen öffnen. Schule soll das Leben selbst in seiner konkreten Wirklichkeit erforschen bzw. in sich hineinnehmen.
Schule darf nicht die Separierung bestimmter Gruppen fördern, sondern muss die Vielfalt bewußt unterstützen. Das meint die Vielfalt kultureller Hintergründe, physischer Voraussetzungen, Lernfähigkeiten, Weltanschauungen, Religionen und Geschlechter.(10)

In diesem Zusammenhang steht auch die Forderung, wie sie z.B. von von Hentig gestellt wird, die Schule zu einem Lebens- und Erfahrungsraum zu machen. Die Schule soll eine Lebensschule und eine Begegnungsstätte sein. Die Schule soll von einem Aufenthaltsort zu einem Lebensort werden. Sie soll nicht als Unterrichtsschule bestehen bleiben. Von Hentig spricht von einer Schulpolis als einem politischem Modell, in dem konkrete (Einzel-) Erfahrungen im Zusammenleben von Menschen gemacht werden.
Nur wenn wir im kleinen, überschaubaren Gemeinwesen dessen Grundgesetze erlebt und verstanden haben - das Gesetz der res publica, das des logon didonai (der Rechenschaftspflicht), das der Demokratie, das der Pflicht zur Gemeinverständlichkeit in öffentlichen Angelegenheiten, also der Aufklärung, der Vernünftigkeit unter den Bürgern und nicht zuletzt das der Freundlichkeit und Solidarität unter den Menschen überhaupt - werden wir sie in der großen polis wahrnehmen und zuversichtlich befolgen..."(11)

Dies bedeutet, dass Schule nicht nur Wissen vermitteln soll. Schule soll vielmehr vor allem dazu Gelegenheit geben, in Lernzusammenhängen zur Identitätsfindung zu kommen und soziale Erfahrungen zu machen. "[Politische Bildung] soll, demokratischen Grundsätzen folgend, Menschen befähigen, sich im Rahmen von Staat und Gesellschaft politisch beteiligen zu können."(12)
Schule soll zur Bildung eines positiven Pluralismusbegriffs beitragen und anregen zur Selbst- und Mitbestimmung. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, die Rechte anderer zu achten. "Demokratische Erziehung kann nur erfolgen, wenn Demokratie erfahren wird. Schüler brauchen mehr eigene Rechte in der Schule, mehr Anerkennung ihrer außerschulisch schon ausgedehnten Selbständigkeit."(13)

Soziales Handeln oder soziales Lernen ist einer der Punkte, die in allen Schulreformansätzen auftauchen. Schule soll zur Kooperation unter den Schülerinnen und Schülern beitragen und es ermöglichen, sowohl individuelle als auch soziale Erfahrungen zu machen.

Eine weitere Gruppe von Forderungen seitens der Schulreformer spricht von Schlüsselqualifikationen. Schule soll weniger konkrete Kenntnisse vermitteln sondern primär "Schlüsselqualifikationen" fördern und Offenheit gegenüber Schlüsselproblemen schaffen.
Schülerinnen und Schüler sollen Lernkompetenz, Sachkompetenz, Sozialkompetenz, Selbstkompetenz, Methodenkompetenz und Kulturtechniken erwerben.
Lernkompetenz äußert sich in der Fähigkeit, individuelles und gemeinschaftliches Lernen selbständig zu planen und umzusetzen. Es soll die Befähigung vermittelt werden, Gelerntes in Problemlösungsprozessen zielstrebig anzuwenden und so selbständig zu Resultaten gelangen zu können. Lernstrategien sollen bewertbar, regulierbar und reflektierbar werden.
In der Sachkompetenz soll erworbenes Wissen sowie gewonnene Einsichten in Handlungszusammenhängen angewendet, Wissen verknüpft und sachbezogen geurteilt werden.
Sozialkompetenz läßt sich charakterisieren mit der folgenden Beschreibung:
[Die soziale] Leitfigur [für Erziehung] ist lebensorientiert, friedfertig, hartnäckig, demokratisch, auf Neues und Fremdes neugierig, selbständig und eigenaktiv, Andere respektierend, einfühlsam, sozial orientiert und solidarisch gegenüber Benachteiligten.(14)

Sozialkompetenz beinhaltet also die Fähigkeit, miteinander zu lernen, zu arbeiten und zu leben, Verantwortung wahrzunehmen und solidarisch zu handeln.
Methodenkompetenz umfaßt die Fähigkeit, Lernstrategien zu entwickeln und unterschiedliche Arbeitstechniken und -verfahren sachbezogen und situationsgerecht anzuwenden.
Zu den Kulturtechniken zählen neben elementaren Techniken, wie das Lesen, Schreiben und Rechnen, vielfältige Instrumente der Wissensaneignung, Darstellungs- und Schreibformen sowie Techniken zur Informationserschließung. In der Literatur wird oft auch von Computerkenntnissen als vierter elementarer Kulturtechnik gesprochen.

In allen Forderungen implizit, aber auch explizit genannt, ist die Feststellung, dass ein Bedarf an neuen Dimensionen, Strukturen und Organisationsformen des Lehrens und Lernens besteht. Lernsituationen sollen anders gestaltet werden. Fachlichkeit und überfachliches Lernen sollen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wissen soll nicht mehr aus den Sinnzusammenhängen herausgerissen präsentiert werden sondern an den Gegebenheiten der Realität strukturiert und lebensnah angeboten werden.

Ein weiteres Anliegen der Schulreform ist es, dass die neue Schule schülerzentriert sein muss. Die neue Schulkultur denkt vom Schüler aus. Schule soll keine fremdbestimmten Aufgaben einfordern, sondern den Schülerinteressen weitestgehend entgegenkommen, z.B. durch Freiarbeit. Schülerinnen und Schüler sollen selbst tätig werden und die Lernprozesse individuell selbst gestalten können. Peter Struck fordert von Lehrerinnen und Lehrern "ausgehend von den Bedürfnissen und Bezügen ihrer Schüler die behördlichen Rahmenvorgaben auf das schulische Umfeld hin zu modifizieren; Ausgangspunkt und Ziel sind die Schüler, ist nicht der Lehrplan"(15).
Die Eigenaktivität soll im Unterricht gefördert werden. Schülerinnen und Schüler sollen nicht mehr in einem  nur rezeptivem Lernverhalten verharren sondern sollen in einem ihre Initiativen unterstützendem Unterricht sich selbst einbringen können.

Ein letzter Themenkomplex, der genannt werde muss, ist der, dass Schule, wenn sie mehr als nur Bewahranstalt sein möchte, auch sozialpädagogisch arbeiten soll. Der Kontakt zwischen Schülerinnen und Schülern und Lehrerinnen und Lehrern soll zum Beispiel dadurch intensiviert werden, dass Lehrerinnen und Lehrer auch über ihre Studienfächer hinaus in einer Klasse unterrichten. Überspitzt gesagt soll die Schule Familienaufgaben übernehmen und einspringen für Ausfälle an Lebenserfahrung, Geborgenheit, Emotionalität, Kommunikation und an vorgegebenen Orientierungsmustern, die die gesellschaftliche Veränderung mit sich gebracht hat.

nach oben
2.4. Verschiedene Richtungen

Hier nun sollen skizzenhaft einige Schulreformmodelle vorgestellt werden.
Zu nennen ist zum Beispiel der offene Unterricht, der eigentlich selbst als Sammelbegriff für verschiedene Reformansätze dient. Im offenen Unterricht wird versucht, gelenktes Lernen und Freiarbeit sich abwechseln zu lassen, außerschulische Fachleute in den Unterricht mit einzubeziehen und verstärkt einen Lebensbezug herzustellen.

Diesem Ansatz sehr ähnlich ist die Öffnung der Schule nach innen und außen. Öffnung nach innen bedeutet eine Veränderung des Unterrichts, Öffnung nach außen bringt eine Veränderung der Beziehungen der Institution Schule zu ihrer Umwelt, also zur außerschulischen Erfahrungswelt. Öffnung nach innen umfaßt unter anderem die inhaltliche Dimension als Öffnung für Inhalte mit Erfahrungen aus der unmittelbaren Lebenswelt der Kinder sowie für veränderte Unterrichtsabläufe und Organisationsformen wie Freie Arbeit, Projekte und Wochenpläne. Die Öffnung nach außen wird als wichtig angesehen, weil außerschulische Erfahrungen der Kinder den wesentlichen Teil ihres Weltverständnisses ausmachen. Es muss also jeweils ein eigenes Konzept der Schule entwickelt werden, das dann auf dem Hintergrund der konkreten Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler aufbaut.
Das Reformkonzept der Öffnung nach innen und außen ersetzt oder ergänzt ebenfalls den Fachlehrer durch außerschulische Experten.

Als letzter Umsetzungsversuch von Schulreformansätzen soll noch das Praktische Lernen angesprochen werden. "'Praktisches Lernen' ist [...] ein offener Begriff; er bezeichnet ein Konzept, dessen Verständnis im Laufe der Zeit entfaltet, präzisiert und immer wieder auf seine Tragfähigkeit überprüft worden ist."(16)
Auch das Praktische Lernen sieht die Schule als einen Erfahrungsraum. Lernen soll einen Erfahrungs- und Lebensbezug haben. Dies beinhaltet die Öffnung der Schule für den Lebensalltag der Schülerinnen und Schüler. Praktisches Lernen wird beschrieben als herstellendes, gestaltendes und sozial- helfendes Tun, als Erkunden und Erforschen. Es verbindet Lernen mit Themen oder Institutionen der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Die Schulen wenden sich einzelnen Themen- und Aufgabenbereichen besonders intensiv zu und entwickeln so individuelle pädagogische Profile.
Mit Praktischem Lernen verbindet sich der Anspruch, Formen des lebensnahen und erfahrungshaltigen Lernens in der Schule zu fördern und auf diese Weise die Fähigkeit der Schule zu verbessern, immer wieder neu auf den Wandel des Aufwachsens und der Kultur zu antworten.(17)

Praktisches Lernen sieht sich deshalb auch als Ansatz und Beitrag zur dezentralen Schulentwicklung.

nach oben

III Kritik an Reformvorschlägen

Die Reformvorschläge, die ja selber eine Kritik am bestehenden Schulsystem darstellen, sind ebenfalls Gegenstand heftiger Diskussionen. Zu den kritischen Bemerkungen an den Reformvorschlägen lassen sich nun ihrerseits wieder Argumente finden, die diese zu widerlegen versuchen. Dies zeigt, dass es keine eindeutige und endgültige Wertung über Schulreformansätze geben kann. Aber allein die Tatsache, dass dieses Gebiet Anlaß zu angeregtem Meinungsaustausch ist, legt die Vermutung nahe, dass alle an ihr beteiligten darin übereinstimmen, dass Handlungsbedarf besteht und die Schule in ihrer jetzigen Form nicht mehr ausreicht.
Einige Kritikpunkte an den oben beschriebenen Schulreformvorschlägen sollen trotzdem an diesem Punkt vorgestellt werden.
Zum Beispiel wird gegen die überfachliche Behandlung von Themen in lebensweltlichen Zusammenhängen argumentiert.
Die Symbolisierung bedeutete einerseits die Herauslösung des Lernens aus den Lebenszusammenhängen, die Auflösung der Einheit von Leben und Lernen. Zum anderen bedeutete dieser Prozeß auch Verdichtung und Zusammenschau, Ordnung des Wissens und Methodik des Lehrens und Lernens. Das aber unterstreicht die Bedeutung von Wissenschaft und wissenschaftsorientiertem Unterricht als einem unaufgebbaren Weg der rationalen Einübung junger Menschen in Kultur und Zivilisation, als Ort der Förderung von Denk-, Kritik- und Urteilsfähigkeit.(18)

Die abstrakte Behandlung von Lerninhalten soll beibehalten werden, nicht nur, weil es nicht möglich ist, dass alle die notwendigen unterrichtsrelevanten Erfahrungen machen, sondern auch, weil die Schule als Ausnahmeraum für die Wissenschaft beibehalten werden soll.
Die Dominanz des Prinzips der Lebensnähe verdrängt die Orientierung an der Fachsystematik und erschwert, eine geordnete Vorstellungswelt aufzubauen. Dieses Ziel, über die an und für sich bleibende Wirklichkeit aufzuklären, erfordert, die strukturierende Hilfe der Wissenschaften und die Bündelung der zum Verstehen der Welt notwendigen Sachgebiete, Themen und Inhalte in einem überschaubaren Lehrplan.(19)

Ein weitere Kritikpunkt an Schulreformvorschlägen setzt ebenfalls an der Wissenschaftlichkeit der Schule an. Die Schulreformer setzen als eines ihrer wichtigsten Ziele die soziale Kompetenz ihrer Schülerinnen und Schüler. Ihre Kritiker sehen in der Schule, die zur Begegnungstätte wird, eine Gefahr für ihre Effektivität. Sie befürchten den endgültigen Verlust eines wissenschaftlichen Fundaments in der Schule.
Mit den von Struck und anderen der Schule zugewiesenen erzieherischen und sozialpädagogischen Aufgaben wird schulischer Omnipotenz das Wort geredet. Dabei gerät zunehmend aus dem Blick, was die Schule zu leisten vermag und was nicht, wo die Möglichkeiten und Grenzen der kustodialen Funktion von Schule liegen. Damit aber die Schule nicht hoffnungslos überfordert wird und die ihr zugedachte Fülle nicht noch vielfältiger und damit diffuser und die Arbeit zunehmend weniger professionell geleistet wird, ist die Beschränkung auf das notwendig, was sie durch Unterricht als dem Kern der Schule erzieherisch zu leisten vermag.(20)

Andere Kritikpunkte, die vorgebracht werden, setzen daran an, dass es nicht sein kann, dass die Schule ihren Anspruch senkt, um auf auftretende Probleme einzugehen. Die Schule muss, so wird argumentiert, auf das Leben in einer Leistungsgesellschaft vorbereiten und kann es nicht verantworten, die ihr anvertrauten Kinder in einem Schonraum zu bewahren.

nach oben

IV Schlussbemerkung

Ziel dieser Arbeit war es, Schulreformansätze in neuerer Zeit darzustellen. Hierbei wurde festgestellt, dass Schule sich nicht länger nur in der Rolle der bloßen Wissensvermittlung versteht, sondern auch gesellschaftlich wichtige Fähigkeiten vermittelt werden sollen. Ebenso wurde erwähnt, dass Schulreformen umstritten sind. Es ist sicher nicht möglich, eine abschließende Bewertung durchzuführen, festzustellen bleibt lediglich, dass Reformen, um längerfristig wirksam sein zu können, an den Ursachen der Probleme, die sie erkannt haben, ansetzen müssen, und nicht nur die Symptome mildern dürfen. Deshalb ist es auch wichtig zu erkennen, dass Schulreform die ganze (Institution) Schule umfassen muss, es reicht nicht nur hier und da eine unter reformatorischen Überlegungen abgehaltene Unterrichtsstunde.

nach oben

V Bibliographie

Döbertin, Winfried. Bildungsnotstand. Warum Eltern, Lehrer und Schüler gefordert sind. Frankfurt/ M. 1996.
Furck, Carl- Ludwig: "Innere oder äußere Schulreform? Kritische Betrachtungen." In: Rainer Schulz/ Wolfgang Seyd (Hrsg.) Innere und äußere Schulreform. Hamburg 1989. S. 11-28.
Hentig, Hartmut von. Die Schule neu denken. Wien 1993.
Hofmann, Claudio: "Innere Schulreform - was heißt reformpädagogische Erneuerung heute?". In: Ulf Preuss- Lausitz (Hrsg.): Pädagogik zwischen Reform und Umbruch. Berlin 1991. S. 69-78.
Preuss- Lausitz, Ulf "Zentrale Probleme von Schule und Familie in beiden Teilen Deutschlands in den 90er Jahren." In: Ders. (Hrsg.) Pädagogik zwischen Reform und Umbruch.. Berlin 1991. S. 6-16.
Projektgruppe Praktisches Lernen (Hrsg.): Bewegte Praxis. Praktisches Lernen und Schulreform. Weinheim/ Basel 1998.
Rehfus, Wulff D.. Bildungsnot. Hat die Pädagogik versagt? Stuttgart 1995.
Struck, Peter. Neue Lehrer braucht das Land. Ein Plädoyer für eine zeitgemäße Schule. Darmstadt 1994.
Wollenweber, Horst: "Unterrichts- oder Lebensschule? Zu Forderungen nach einer neuen Schulkultur". In: K. Aurin/ H. Wollenweber (Hrsg.) Schulpolitik im Widerstreit. Brauchen wir eine "andere Schule"?. Bad Heilbrunn 1997. S. 47- 62.

nach oben

Fußnoten

(1) Hartmut von Hentig. Die Schule neu denken. Wien 1993.

(2) von Hentig S. 17.

(3) z.B. Winfried Döbertin. Bildungsnotstand. Warum Eltern, Lehrer und Schüler gefordert sind. Frankfurt/ M. 1996.

(4) Wulff D. Rehfus. Bildungsnot. Hat die Pädagogik versagt? Stuttgart 1995. S. 11.

(5) Carl- Ludwig Furck: "Innere oder äußere Schulreform? Kritische Betrachtungen." In: Rainer Schulz/ Wolfgang Seyd (Hrsg.) Innere und äußere Schulreform. Hamburg 1989. S. 11-28. S.11.

(6) Rehfus S. 14.

(7) Rehfus S. 15.

(8) Claudio Hofmann: "Innere Schulreform - was heißt reformpädagogische Erneuerung heute?". In: Ulf Preuss- Lausitz (Hrsg.): Pädagogik zwischen Reform und Umbruch. Berlin 1991. S. 69-78. S.73.

(9) Ulf Preuss- Lausitz "Zentrale Probleme von Schule und Familie in beiden Teilen Deutschlands in den 90er Jahren." In: Ders. (Hrsg.): Pädagogik zwischen Reform und Umbruch.. Berlin 1991. S. 6-16. S.14.

(10) Preuss- Lausitz S.14.

(11) von Hentig S. 191.

(12) Döbertin S. 35.

(13) Preuss- Lausitz S. 15.

(14) Preuss- Lausitz S.13.

(15) Peter Struck. Neue Lehrer braucht das Land. Ein Plädoyer für eine zeitgemäße Schule. Darmstadt 1994.

(16) Projektgruppe Praktisches Lernen. Bewegte Praxis. Praktisches Lernen und Schulreform. Weinheim und Basel 1998. S.24f.

(17) Projektgruppe Praktisches Lernen S.25.

(18) Horst Wollenweber: "Unterrichts- oder Lebensschule? Zu Forderungen nach einer neuen Schulkultur". In: K. Aurin/ H. Wollenweber (Hrsg.) Schulpolitik im Widerstreit. Brauchen wir eine "andere Schule"?. Bad Heilbrunn 1997. S. 47- 62. S. 55f.

(19) Wollenweber S. 56f

(20) Wollenweber S. 58.

nach oben

"Theorie der Schulreform" - Seminararbeit als rtf-Dokument

Ähnliche Themen

 

Weitere Beispiele für Facharbeiten und Seminararbeiten:

Äußere und innere gliedernde Elemente in Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund

Die V-Effekte in Bertolt Brechts 'Mutter Courage und ihre Kinder'

Kafkas Aphorismen

Die Margaretenhandlung in Faust I (Johann Wolfgang von Goethe)

Ausführliche Analyse und Interpretation "An den Mond" (Johann Wolfgang von Goethe)

Kate Chopin: The Awakening - A naturalist novel?

Sprachentwicklung und Sprachgebrauch von Kindern und Jugendlichen

 

Mehr zum Seminarfach :

Themen für Facharbeiten

Methodische und formale Hinweise zur Erstellung der Facharbeit

Hilfen und Übungen zum Umgang mit der Textverarbeitung (Word) [doc, 2,14MB]

Weitere Informationen und offizielle Vorgaben auf der Übersichtsseite zum Seminarfach

 

Weiterführende Internetlinks:

Meine Linksammlung zu den Themen Seminarfach, Facharbeiten und Plagiate

Meine Linksammlung zu den Themen Didaktik, Pädagogik und Psychologie


Service-/Hilfsnavigation (Shortcuts / Accesskeys in Klammern - Erläuterung in der Hilfe):
Startseite (0) | Kalender | Aktuelles | Unterricht | Materialien | Für Eltern | Linksammlung | Kontakt (9) | Suche (7) | Inhaltsverzeichnis (6) | Hilfe (1)

Drucken