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für den Deutschunterricht - Sekundarstufe II

Prosa

Beispiel Seminararbeit: Kafkas Aphorismen


Zufalls-Aphorismus entnommen aus Franz Kafka: "Betrachtungen" oder "Er"

Kafka- Zitate als Content-Modul für Ihre Homepage?

Inhaltsverzeichnis

1. Kafkas Aphorismen
2. Form der Aphorismen
2.1. Theorie
2.1.1. Syntaktische Strukturen
2.1.2. Lexikalische Strukturen
2.1.3. Logische Strukturen
3. Aphorismen bei Kafka
3.1. Erzählerisches in Aphorismen
3.2. Metaphern und Vergleiche
3.2.1. Gründe für Metapherngebrauch
3.3. Inhaltliche Motive
3.3.1. Religion, Schuld und Sünde
3.3.2. Gefangenschaft und Freiheitsdrang
4. Zusammenfassung
5. Literaturverzeichnis

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1. Kafkas Aphorismen

Die Aphorismen Kafkas finden sich in zwei Aphorismensammlungen. Beide waren offensichtlich nicht zur Veröffentlichung gedacht und präsentieren sich somit dem Leser in der Reihenfolge, wie sie entstanden, Kafka sie ordnete und Max Brod sie herausgab.
Die erste Aphorismensammlung entstand zwischen Oktober 1917 und Februar 1918 in Zürau. In diesem Dorf hielt Kafka sich zur Erholung auf. Hier schrieb er die Aphorismen in Arbeitshefte. Später kopierte er sie auf Zettel, durchnummeriert nach der Reihenfolge der Entstehung, wobei einige auch wieder gestrichen oder mit anderen zusammengefasst wurden. Max Brod veröffentlichte diese Aphorismen unter dem Titel Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg. Hierbei behielt er die Reihenfolge der Aphorismen, wie sie durch die Nummerierung vorgegeben war, bei und veröffentlichte auch jene von Kafka gestrichenen Aphorismen in der Sammlung, kennzeichnete sie jedoch. In dieser ersten Aphorismensammlung sind 109 Aphorismen gesammelt, deren Inhalt durchaus passend, aber nicht erschöpfend, von dem von Max Brod gewählten Titel zusammengefasst wird. Die kurzen, prägnanten, meist nur ein oder zwei Sätze enthaltenden Aphorismen befassen sich häufig mit Themen des Glaubens, geben verschiedenste Überlegungen zum ‘wahren Weg’ wieder, topikalisieren den im allgemeinen für unüberwindbar gehaltenen Unterschied zwischen Gut und Böse, beschäftigen sich auch des Öfteren mit dem Bild der Gefangenschaft bzw. Freiheit und zeigen oftmals kritische Aspekte zur Auseinandersetzung mit Sprache, Sprachgebrauch und Kommunikation.
Die zweite Aphorismensammlung entstand zwischen Januar und Februar 1920 und trägt den Titel Er - Aufzeichnungen aus dem Jahre 1920. Diese Aufzeichnungen sind nicht nummeriert und untereinander durch die Er- Form verbunden. Die einzelnen Aphorismen sind überwiegend länger als die Aphorismen der Betrachtungen und haben teilweise schon fast den Charakter kleinerer Erzählungen. Diese zweite Aphorismensammlung umfasst weniger Aphorismen als die erste und das Personalpronomen „er“ scheint eine kaum verhüllte Chiffre für das „ich“ des Franz Kafka zu sein. So gibt es auch zwei aus der Sammlung hervorstechende Beispiele, in denen nicht die dritte Person sondern die erste Person gewählt ist: (Hervorhebung von mir.)

Vor der Auslage von Casinelli drückten sich zwei Kinder herum, ein etwa sechs Jahre alter Junge, ein sieben Jahre altes Mädchen, reich angezogen, sprachen von Gott und von Sünden. Ich blieb hinter ihnen stehen [...] (S. 390)
Meine Gefängniszelle - meine Festung. (S. 394) (1)

Ob dies nun bewusste oder unbewusste Variationen sind, lässt sich nicht sagen, da die Aphorismensammlungen nicht von Kafka zur Veröffentlichung vorgesehen waren und deshalb auch nicht dafür in eine gültige, vom Autor korrigierte Fassung gebracht wurden.
Auch, ob und inwiefern die insgesamt 148 Aphorismen Eigenaussagen Kafkas über sich selbst und seine Situation sind und somit nur eine andere Form und Fortsetzung seiner Tagebücher sind, lässt sich nicht leicht bestimmen. Kafka, der sich bekanntlicherweise lange mit seinem Verhältnis zur jüdischen Religion auseinandersetzte, zeigt nun auch in den Aphorismen verschiedene Ansätze zur Auseinandersetzung mit zentralen Themen der Religion. Doch lässt sich andererseits ebenfalls argumentieren, dass die Aphorismen als Teil seines literarischen Werkes angesehen werden müssen, und deshalb auch nicht als Erläuterung zu anderen Teilen seines Werkes herangezogen werden können.

Was die aphoristischen Eintragungen betrifft, in denen oft die Rolle des Bösen in der Welt und Erkenntnisprobleme artikuliert sind, so könnte man vielleicht fragen, ob man derartige Texte überhaupt zu den Tagebüchern rechnen soll, zumal ja der Dichter eine Zusammenstellung von Aphorismen vornahm, die offenbar Grundlage einer Publikation sein sollte. Zwei wichtige Indizien sprechen dafür, dass man darauf eine positive Antwort geben muß.
Einmal finden sich solche Aussagen an einigen Stellen unmittelbar hinter Datumsangaben, was bei Erzählansätzen kaum belegt ist. Zweitens aber kann man feststellen, dass sich viele derartige Formulierungen unmittelbar auf die innere Situation Kafkas zum Zeitpunkt der Niederschrift beziehen. (2)

Sicherlich besteht besonders bei Kafka (eingeleitet durch Brods Hervorhebung der persönlichen Situation Kafkas) die Gefahr, durch zu intensive Betrachtungen und Vergleiche mit der Biographie das literarische Schaffen zu stark mit der Person Kafkas zu identifizieren. Doch bei den Aphorismen bietet es sich wahrscheinlich an, sie, ähnlich wie den Brief an den Vater, als Ausdruck persönlicher Gedanken und Lebensumstände zu fassen, die im Folgenden eine beginnende literarische Ausarbeitung erfuhren.
Eine solche nachfolgende Edition lässt sich z.B. an den zwei Aphorismen, die beide mit den Worten „Am Sicherheben hindert ihn eine gewisse Schwer [...]“ beginnen (S.393 und S. 395), feststellen. Im zweiten Aphorismus ist der erste Aphorismus fast identisch übernommen, wird aber dann, als Dialog gestaltet, fortgesetzt, widerlegt und kommentiert.
Es ist wohl durchaus gerechtfertigt, anzunehmen, dass Kafkas Aphorismen aus einer persönlichen Situation heraus entstanden. Sie sind aber doch so allgemein gehalten, dass sie herausgelöst aus dem biographischen Hintergrund ebenfalls zu betrachten und (am wichtigsten) auch zu verstehen sind.

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2. Form der Aphorismen

2.1. Theorie

Aphorismen machen regen Gebrauch von Stilmitteln, um ihr Ziel beim Leser zu erreichen. Dies ist, bedingt durch ihre Beschränkung auf wenige Sätze, notwendig, wenn sie prägnant und aussagekräftig sein sollen. So kann die Pointe eines Aphorismus bereits von einer Silbe abhängen. Deshalb ist es von äußerster Notwendigkeit, den lexikalischen, syntaktischen und logischen Strukturen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Nur durch sie „funktionieren“ Aphorismen in ihrer Kürze und schaffen es, neue Aspekte in den Vordergrund zu stellen und Denkanstöße zu geben.
Im Folgenden soll versucht werden, einige wichtige strukturelle Merkmale von Aphorismen im Allgemeinen und bei Kafka besonders darzustellen. Daran anschließend wird dann versucht werden, ausgehend von einer strukturellen Beschreibung der Aphorismen, einige Aphorismen Kafkas im Detail zu analysieren und interpretieren.

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2.1.1. Syntaktische Strukturen

Bereits am äußeren Aufbau des Satzes/ der Sätze lassen sich wichtige Merkmale des Aphorismus festmachen. Schon die äußere Form kann die Aussage und den Effekt eines Aphorismus durch verschiedenste Mittel unterstreichen und verstärken. Durch syntaktische Stilfiguren kann die Aussage des Aphorismus unterstrichen, heruntergespielt oder sogar widerlegt werden. So fällt z.B. eine semantische Opposition wesentlich stärker bei parallelem Satzbau ins Auge. Andere oft gebrauchte syntaktische Strukturen sind z.B. Antithesen oder Umkehrungen in Form von Antimetabolen oder Chiasmen.
Aber natürlich darf man die Rolle dieser syntaktischen Komponenten der Aphorismen nicht überbewerten, sondern muss bedenken, dass sie „nur“ zur Unterstützung der (im Folgenden beschriebenen) lexikalischen und logischen Strukturen des Aphorismus dienen.

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2.1.2. Lexikalische Strukturen

Aphorismen sind vor allem von semantischen Merkmalen abhängig. Durch bewusste Wortwahl lässt der Aphoristiker seine Sätze spezielle Bedeutungsnuancen annehmen. Viele Texte profitieren von semantischen Vieldeutigkeiten, Unbestimmtheiten oder Gegensätzen, um ihre Wirkung zu erhöhen. Dies geschieht z.B. durch Wortspiele, die sich auf Ähnlichkeiten der Wörter oder ihrer etymologischen Verwandtschaft stützen.
Mit Neologismen, Zerstörung und Wiederaufbau von semantischen Inhalten eines Wortes, aber auch durch Kontrastierung und Gegenüberstellung von Konzepten spielen viele Aphorismen mit den Möglichkeiten der Sprache.
Der dadurch erzielte Effekt wird noch verstärkt, wenn die so eingesetzten semantischen Mittel in Definitionen, Vergleichen, Beispielen oder Metaphern dem Leser nähergebracht werden.
Bei Definitionen, in denen nicht zusammenpassende und verschiedenste Elemente miteinander verbunden werden (die Gray „pseudo- definitions“ nennt), werden abstrakte, theoretische Konzepte mit konkreten Bildern zusammengeführt, so dass der Leser auf einen neuen und anderen Blickwinkel hingewiesen wird, oder die Unbegreiflichkeit und Undefinierbarkeit des Abstrakten erfasst.
Aphorismen, die althergebrachte, im alltäglichen Sprachgebrauch vorkommende Sprichwörter, Redensarten oder Metaphern leicht verändern und ihnen einen neuen Sinn geben, profitieren darüber hinaus von der leichten Einprägsamkeit und den Assoziationen des Lesers. So erhalten diese Aphorismen eine starke Prägung und werden durch wenige Mittel inhaltsschwer.

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2.1.3. Logische Strukturen

Aphoristiker, bemüht darum, allgemeingültige, aber auch an individuelle Situationen anpassbare Aussagen zu machen, tun dies oft dadurch, dass sie, um einen Standpunkt aufzubauen, erst einen anderen abbauen, beide gegeneinandersetzen oder den einen durch den anderen bestätigen. Aufgrund von logischen Strukturen kann die, bis zu einem bestimmten Punkt inhärente Logik eines Aphorismen ad absurdum geführt werden, so dass zuvor gemachte Äußerungen wieder zurückgenommen oder sinnentleert werden. Dies kann geschehen z.B. durch Zurücknahme, Wiederaufnahme oder Negation eines Teils des Aphorismen durch einen anderen. Weitere Mittel zur Herbeiführung eines Paradoxes können Ausnahmen, Einschränkungen, Modifikationen oder nicht erfüllte Vorbedingungen sein.
Doch natürlich muss die logische (Tiefen)struktur nicht immer dazu führen, sich selbst zu widerlegen. Auch durch stringente, aufeinander aufbauende Platzierung der semantischen und syntaktischen Mittel wird das Ziel des Aphorismus erreicht, ohne dass dabei etwas der Aussagekraft oder der Pointierung verloren gehen müsste.

Im Folgenden soll nun das theoretisch dargestellte auf einige von Kafkas Aphorismen angewandt werden, um die Wirkungsweise der Stilmittel aufzuzeigen.

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3. Aphorismen bei Kafka

3.1. Erzählerisches in Aphorismen

Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides. (Aph. 47)

Dieser Aphorismus, einer der längeren in der Reihe Betrachtungen, mutet fast als kleine Erzählung an. Der Text ist syntaktisch, strukturell und semantisch kohärent. Der parataktische Stil, die Parenthese und die Alliteration von Kuriere, Könige und Kinder tragen dazu bei, dass er, bis zu einem bestimmten Punkt, als zusammenhängender, leicht verständlicher Text aufgefasst werden kann. Der Aphorismus schwenkt vom logischen weg im letzten Satz, der als Konditionalsatz beginnt, und dann durch das „aber“ die vorher gemachten Aussagen einschränkt.
Die Kinder, die als Kuriere Meldungen eines nicht- existenten Königs weitergeben, bleiben trotzdem in ihrer elenden Stellung, da sie sich durch einen Diensteid an einen nicht- existenten König gebunden fühlen. Dieses Verhalten geht entschieden gegen die Logik und den normalen Menschenverstand und lässt sich vielleicht zuerst als kinderspezifisches Verhalten abtun. Doch das Verharren im Elend wird bei nochmaliger Betrachtung des Aphorismus noch prägnanter: die Kinder „rufen [...] einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu“. Das „selbst“ kann in diesem Kontext durchaus doppeldeutig erscheinen: Es kann zum einen als „sich selbst“/ „gegenseitig“ gelesen werden, aber auch als „sogar“. Durch die zweite Lesart bleiben die Kuriere nicht nur in ihrer ausweglosen Situation, sondern verstärken ihr Unglück noch. Andererseits bedeutet dies gleichzeitig, dass diese Kuriere auch sinnvolle Nachrichten ihrem König zu übermitteln hätten. (3)

Darüber hinaus zeigt dieser Aphorismen die bei Kafka häufig gefundene Wendung zum Negativen im Geschehen, sobald das Gewünschte erreicht worden ist. (4)

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3.2. Metaphern und Vergleiche

Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie. (Aph. 20)

Mit der Ausnahme, dass die einzelnen syntaktischen Einheiten nur durch Semikola und nicht durch Punkte voneinander getrennt sind, wodurch ein stärkerer Zusammenhalt der Argumentationskette erreicht wird, ist dieser Aphorismus in seiner syntaktischen, semantischen und logischen Darstellung äußerst stringent.
Trotzdem bleibt der Spruch kryptisch und entzieht sich einem endgültigen Verständnis. Seine Bedeutung kann durch Leserintentionen und gewählte Assoziationen bzw. Deutungsgrundlagen stark variieren. Die gewählte Metapher könnte eine Beschreibung des „aus der Not eine Tugend machen“ sein. „By transposing this thought into a unique and highly original metaphorical pattern, Kafka strips the idea of the banality derived from familiarity.“ (5)
Eine der vielen den Aphorismen zugesprochenen Zwecke ist es ja, alte, bekannte (Sprech-) Gewohnheiten in neuem Licht erscheinen zu lassen. Insofern bietet sich diese Auslegung der Metapher durchaus an. Doch es lassen sich auch andere plausible Ansätze finden. So kann dieser Aphorismus ohne weiteres als Fatalismus, als Hinnehmen des Unabänderbaren gewertet werden. Oder als Kritik blinden Fortschrittglaubens, der die Dinge nicht hinterfragt. Auch könnte er gedeutet werden als Anspielung auf „homo homini lupus est“ und so auf das raubtierartige, rücksichtslose Verhalten in der Gesellschaft, in der sich jeder nimmt, was er will und die Schwachen unterliegen.
Doch vielleicht sind gar nicht die Beziehungen unter den Menschen hier topikalisiert und der bei Kafka häufig angebrachte Verweis auf seine Religion hat hier Gültigkeit. Unter diesem Gesichtspunkt ließe sich zum Beispiel bei Jesaja 11: 6 ein Hinweis auf Leoparden finden:

Dann wohnt der Wolf bei dem Lamm und lagert der Leopard bei dem Böcklein. Kalb und Löwenjunges weiden gemeinsam, ein kleiner Knabe kann sie hüten.

In diesem Abschnitt wird das messianische Zeitalter als Wiederkehr paradiesischen Friedens beschrieben. In den Aphorismen Kafkas finden sich immer wieder Verweise auf das Paradies und den Sündenfall, in denen Kafka mit diesen Themen „abrechnet“.
Insofern kann dieser Aphorismus auch als Infragestellung der Erreichbarkeit des Paradieses sein, da der Mensch Sicherheit vorzieht, so dass weder die Menschen (durch Opfer) noch Gott (durch Wiederherstellung des Paradieses) ihren Versprechen nachkommen.
Die Darstellung verschiedenster Interpretationsmöglichkeiten dieses Aphorismus diente dazu, aufzuzeigen, wie sehr Aphorismen, die von, wie Gray sie nennt, „suggestive metaphors“, Gebrauch machen, von der Lesererfahrung und -partizipation abhängen.

[S]uggestive metaphors invit[e] the reader by means of the evocativeness of the phenomenon itself, and its curious textual isolation, to relate it analogically to some other event, object, or phenomenon[, it] thereby becomes pregnant with possible associative meanings. [...] Suggestive metaphor displays [...] an absolutization of image [...] it [...] expresses the demand for analogical connection - a demand placed on the reader - requiring her/ him to supplement the text, or to turn up a tertium comparationis which will reconcile its disparate elements. (6)

Diese Herausforderung an den Leser, die aus dem Zusammenhang gerissenen Vergleiche neu aufzubauen und mit Aussagekraft zu füllen, findet sich häufig bei Kafka. Ein weiteres Beispiel dieser Technik, das nur kurz angesprochen werden soll, ist Aphorismen 15.

Wie ein Weg im Herbst: Kaum ist er rein gekehrt, bedeckt er sich wieder mit den trockenen Blättern.

Reduziert und ohne tertium comparationis ist auch dieser Aphorismus unbestimmbar und wirft beim Leser eine Reihe von durch den Kulturkreis bestimmte Assoziationen auf: So könne Weg, Herbst und Blätter jeweils als Chiffre für Leben, Alter und Erinnerungen aufgefasst werden.
Genauso gut kann der Schlüssel zum Verständnis auch in der Analyse des Dialogs, den der Aphorismus mit den anderen Sprüchen der Betrachtungen führt, liegen. Eine allgemeingültige, ausschließliche und endgültige Interpretation ist aber auch hier durch die „suggestive Metapher“ und das Fehlen eines tertium comparationis nicht möglich.

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3.2.1. Gründe für Metapherngebrauch

Eine Begründung dafür, warum Kafka sich des Stilmittels der „suggestiven Metapher“ bedient, lässt sich in den Aphorismen 76+ und 57 finden.

Ein Umschwung. Lauernd, ängstlich, hoffend umschleicht die Antwort die Frage, sucht verzweifelt in ihrem unzugänglichen Gesicht, folgt ihr auf den sinnlosesten, das heißt von der Antwort möglichst wegstrebenden Wegen. (Aph. 76+)

Dieser Aphorismus, der bereits durch die Angabe einer Überschrift aus der Masse der Aphorismen Kafkas heraussticht, macht regen Gebrauch von Stilmitteln. Schon der Einstieg durch Überschrift und Asyndeton machen auf den Sprachgebrauch aufmerksam. Der parataktische Stil führt dies fort, unterstützt von der Personifikation von ‚Antwort’ und ‚Frage’. Im Gegensatz zu dem gekonnten Umgang mit Sprache auf dieser Ebene, weist die logische auf die Unzulänglichkeiten der Sprache hin, denn die Antwort folgt der Frage auf von der Antwort wegführenden Wegen. Der hierin liegende Widerspruch kann durch die Überlegung, dass Fragen Antworten nach sich ziehen, aufgelöst werden. Aber die Frage (wenn sie denn gestellt wird) (7) entfernt sich von der eigentlichen Antwort. Deshalb ist die Antwort nicht mehr richtig, auch wenn sie in gewissen Situationen richtig gewesen wäre.
Auch Aphorismus 57 hat die Unzulänglichkeiten der Sprache zum Thema.

Die Sprache kann für alles außerhalb der sinnlichen Welt nur andeutungsweise, aber niemals auch nur annähernd vergleichsweise gebraucht werden, da sie, entsprechend der sinnlichen Welt, nur vom Besitz und seinen Beziehungen handelt.

Trotz der Unmöglichkeit der Formulierung der inneren Welt strebt Kafka dennoch die Äußerung in Aphorismen an. „[T]he relationship between language and reality was never unproblematic for Kafka.“ (8) Gerade durch das komplizierte Verhältnis zwischen Sprache und innerer Welt jedoch greift Kafka auf die Form des Aphorismus zurück: Im Aphorismus hat er die Möglichkeit, nur andeutungsweise zu sagen, was nicht sagbar ist. Er versucht sozusagen die Antwort zu überrumpeln, indem er gar nicht die dazugehörige Frage stellt. Ein Aphorismus ist in gewisser Weise eine Darstellung mit neuen und unkonventionellen Mitteln und der Versuch, die Kommunikation von innerer Welt durch Mittel der äußeren Welt. „Language used suggestively, Kafka implies, could indeed give expression to this internal [metaphysical or meta- sensual] world.“ (9) Sprache im Aphorismus ist also Sprache, die nicht der physischen Welt gleichgesetzt wird, sondern nur andeutungsweise benutzt wird.

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3.3. Inhaltliche Motive

3.3.1. Religion, Schuld und Sünde

Immer wieder greift Kafka in seinen Aphorismen religiöse Themen auf. Durch seine Bezugnahme auf den Turmbau zu Babel (z.B. in Aphorismus 18) weist er noch zusätzlich auf die Probleme hin, die sich in der menschlichen Kommunikation ergeben. Babel ist für Kafka der Inbegriff der Verwirrung der Sprache, der Beziehungen und des Verständnisses. Auch dieses Verständnis (oder Erkenntnis) ist ein Motiv, das immer wieder von Kafka in seinen Aphorismen bemüht wird.
Sowohl beim Turmbau als auch beim Sündenfall musste der Mensch erfahren, dass sein Versuch, zu mehr Erkenntnis und Einsicht zu gelangen, fehlschlägt und ein eitler und rachsüchtiger Gott ihn bestraft. Kafkas gesamtes Werk ist durchzogen von Strafen und Urteilen und vielleicht ist es deshalb auch nicht unverständlich, dass er auf die Vertreibung aus dem Paradies als Strafe par excellence immer wieder zu sprechen kommt.
Das Konzept von Schuld wird z.B. in Aphorismus 83 explizit angesprochen.

Wir sind nicht nur deshalb sündig, weil wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, sondern auch deshalb, weil wir vom Baum des Lebens noch nicht gegessen haben. Sündig ist der Stand, in dem wir uns befinden, unabhängig von Schuld.

In diesem Aphorismus macht Kafka wiederum regen Gebrauch von den ihm zur Unterstreichung seiner Aussage zur Verfügung stehenden Stilmitteln. Syntaktisch fällt der parallele Satzbau, eingeleitet durch „nicht nur deshalb [...] sondern auch deshalb [...]“ auf. So wird das Bild des sündigen Standes unterstrichen und verstärkt, unterstützt auf der semantischen Ebene durch die häufige Wiederholung des Wortes „sündig“. Im letzten Satz kontrapunktiert Kafka seine Aussage mit der Gegenüberstellung von Schuld und Sünde. So negiert er auf der logischen Ebene das konventionelle Konzept von Schuld, von dem er im ersten Teil des Aphorismus ebenfalls selbst profitiert.
Der sündige Stand der Menschen ist so wie hier dargestellt, ähnlich wie viele andere Strafen, die sich im Werk Kafkas finden, rational nicht erklärbar. Durch diese Unfassbarkeit aber ist die Unausweichlichkeit des Schicksals mit der Vertreibung verbunden. In Aphorismus 64/65 wird die Endgültigkeit der Handlung des Essens vom Baum der Erkenntnis weiter betont. Zwar brachte diese Handlung dem Menschen Erkenntnis und die Fähigkeit, Gut und Böse (10) zu unterscheiden (vgl. Aphorismus 86), doch brachte sie sie gleichzeitig in die Ausweglosigkeit, denn es gibt keine Chance auf Erlösung, solange der Mensch nicht vom Baum des Lebens isst (vgl. Aphorismus 82). Somit ist dem Menschen der Weg zurück abgeschnitten, es bleibt einzig die Flucht nach vorn, in den Tod, der erst durch den Sündenfall möglich wurde.

Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch zu sterben. Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar. Man schämt sich nicht mehr, sterben zu wollen; man bittet, aus der alten Zelle, die man haßt, in eine neue gebracht zu werden, die man erst hassen lernen wird. Ein Rest von Glauben wirkt dabei mit, während des Transportes werde zufällig der Herr durch den Gang kommen, den Gefangenen ansehen und sagen „Diesen sollt ihr nicht wieder einsperren. Er kommt zu mir.“
(Aph. 13)

Auch dieser Aphorismus scheint einen Ausweg anzubieten, wie es möglich ist, den Konsequenzen des Sündenfalls zu entkommen. Um ein anderes Leben zu erreichen, muss er dem Herrn seines Gefängnisses begegnen.

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3.3.2. Gefangenschaft und Freiheitsdrang

Das Motiv der Gefangenschaft lässt sich noch in verschiedensten Aphorismen der Betrachtungen und der Reihe Er finden.

Mit einem Gefängnis hätte er sich abgefunden. Als Gefangener enden - das wäre eines Lebens Ziel. Aber es war ein Gitterkäfig. Gleichgültig, herrisch, wie bei sich zu Hause strömte durch das Gitter aus und ein der Lärm der Welt, der Gefangene war eigentlich frei, er konnte an allem teilnehmen, nichts entging ihm draußen, selbst verlassen hätte er den Käfig können, die Gitterstangen standen ja meterweit auseinander, nicht einmal gefangen war er. (S. 387)

Auch in diesem Aphorismus macht Kafka wieder von der Technik Gebrauch, zu Beginn eine Aussage aufzustellen, um ihr dann zum Schluss ihr Gegenteil gegenüberzustellen. So baut sich eine Spannung zwischen Bestätigung und Absage auf, die die Zerrissenheit des Ichs und die Unmöglichkeit seiner Situation wird eindrucksvoll darlegt.
So wie der „Lärm der Welt“ in den Gitterkäfig des Gefangenen dieses Aphorismus eindringt, so saß Kafka „im Hauptquartier des Lärms der ganzen Wohnung“.

Ich will schreiben mit einem ständigen Zittern auf der Stirn. Ich sitze in meinem Zimmer im Hauptquartier des Lärms der ganzen Wohnung. Alle Türen höre ich schlagen, durch ihren Lärm bleiben mir nur die Schritte der zwischen ihnen Laufenden erspart, noch das Zuklappen der Herdtüre in der Küche höre ich. Der Vater durchbricht die Türen meines Zimmers und zieht im nachschleppenden Schlafrock durch, aus dem Ofen im Nebenzimmer wird die Asche gekratzt, Valli fragt ins Unbestimmte, durch das Vorzimmer, wie durch eine Pariser Gasse rufend, ob denn des Vaters Hut schon geputzt ist, ein Zischen, das mir befreundet sein will, erhebt das Geschrei einer antwortenden Stimme. Die Wohnungstür wird aufgeklinkt und lärmt wie aus katarrhischem Hals, öffnet sich dann weiterhin mit dem kurzen Singen einer Frauenstimme und schließt sich mit einem dumpfen männlichen Ruck, der sich am rücksichtlosesten anhört. Der Vater ist weg, jetzt beginnt der zartere, zerstreutere, hoffnungslosere Lärm, von den Stimmen der zwei Kanarienvögel angeführt. Schon früher dachte ich daran, bei den Kanarienvögeln fällt es mir aber von neuem ein, ob ich nicht die Tür bis zu einer kleinen Spalte öffnen, schlangengleich ins Nebenzimmer kriechen und so auf dem Boden meine Schwestern und ihr Fräulein um Ruhe bitten sollte. (11)

Hier zeigt sich, wie der Freiheitsdrang dazu führt, dass das Gefängnis sich um ihn herum aufbaut und ihn einsperrt. Ein ähnliches Konzept wird in Aphorismus 16 dargestellt.

Ein Käfig ging einen Vogel suchen.

Dieser Aphorismus macht Gebrauch von dem, was Neumann als ‚gleitendes Paradox’ bezeichnet. Zum einen geht es der Logik zuwider, dass ein Käfig agiert, doch zum anderen ergäbe auch die Umstellung (also „Ein Vogel ging einen Käfig suchen“) nur eine scheinbare Auflösung, die weiterhin gegen die Erfahrung widerspricht, die den Vogel als Symbol der Freiheit gebraucht. Dieser Aphorismus bleibt also unverständlich, nur über die Mitwirkung der Leserassoziationen gelingt es dem Aphorismus, das Unsagbare auszudrücken.

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4. Zusammenfassung

Die Wenigen im Detail erläuterten Aphorismen zeigen also deutlich, dass Kafkas Aphorismen, auch wenn sie aus einer persönlichen Situation heraus entstanden, durchzogen sind von einer Vielzahl von stilistischen Mitteln, die zur Steigerung der Argumentationskraft der Aphorismen beitragen. Hierbei zeigt sich besonders die Zurücknahme vorher gesagtem durch das Gegenteil als besonders effektives Mittel, um durch den Aphorismus den Leser zur Reflektion anzuregen und die Verwirrung der Welt darzustellen. Auch das ‚gleitende Paradox’ gehört hierher, denn ebenso wie die Verneinung vorheriger Aussagen weißt auch dieses auf Unzulänglichkeiten und Ungereimtheiten hin.
Aber auch die inhaltliche Bandbreite berührt universelle Themen, die zwar im Lebensweg Kafkas eine einflussreiche Rolle spielen, jedoch auch allgemein von Bedeutung sind. Somit bestätigt sich die einleitende Vermutung, dass die Aphorismen losgelöst von der Biographie betrachtet und verstanden werden können.

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5. Literaturverzeichnis

Primärliteratur
Kafka, Franz. Das erzählerische Werk. I. Erzählungen, Aphorismen, Brief an den Vater. Herausgegeben von Klaus Hermsdorf. Berlin: Rütten & Loening, 1983

Sekundärliteratur
Binder, Hartmut. Kafka in neuer Sicht. Stuttgart: Metzler, 1976
Gray, Richard. T.: Suggestive Metaphor: Kafka‘s Aphorisms and the Crisis of Communication. in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Bd. 58, 1984. S. 454-469

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Fußnoten

(1) Franz Kafka. Das erzählerische Werk. I. Erzählungen, Aphorismen, Brief an den Vater. Herausgegeben von Klaus Hermsdorf. Berlin: Rütten & Loening, 1983. Alle nachfolgenden Aphorismen sind dieser Ausgabe entnommen.
(2) Hartmut Binder. Kafka in neuer Sicht. Stuttgart: Metzler, 1976. S. 84.
(3) Hier tut sich der Aspekt der Bedeutung von Sprache in den Aphorismen Kafkas auf. Darauf wird später anhand von weiteren Aphorismen weiter eingegangen.
(4) So auch z.B. in einem Aphorismus aus der Reihe Er. „Er hat den archimedischen Punkt gefunden, hat ihn aber gegen sich ausgenützt, offenbar hat er ihn nur unter dieser Bedingung finden dürfen.“ (S.393)
(5) Gray, Suggestive Metaphor. 466- 67.
(6) Gray, Suggestive Metaphor. 249.
(7) Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet Aphorismus 109+ an. Es ist also nicht nötig, die Frage zu formulieren, um die Antwort zu finden. So wird Sprache außen vor gelassen.
(8) Gray, Suggestive Metaphor. 455.
(9) Gray, Suggestive Metaphor. 459.
(10) In den Aphorismen Kafkas erscheinen nicht nur Gut und Böse als Gegensatzpaar sehr häufig, auch setzt Kafka sie gleich mit geistiger bzw. sinnlicher Welt.
(11) Tagebücher, November 1911

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