Materialien

für den Deutschunterricht - Sekundarstufe II

Prosa

Beispiel Seminararbeit:
Äußere und innere gliedernde Elemente in Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund

Inhaltsverzeichnis

Wortwolke Sansibar
erstellt mit http://www.wordle.net/

I. Einleitung
II. Äußere Strukturierung
2.1. Leerzeilen
2.2 Schriftarten und Namen in Szenenüberschriften
2.3. Bedeutung des Schriftstils in den Überschriften
III Gliedernde Elemente in der inneren Struktur
3.1.Handlungsort und -zeit
3.2. Die Figuren
3.3. Zufall und Spannungselemente
IV Weitere kompositorische Aspekte
4.1. Formen und Farben
4.2. Der Witz der Frau des Fischers
4.3. Wasser
4.4. Kirchtürme
V. Literaturangaben


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I. Einleitung

Alfred Andersch’ Roman „Sansibar oder der letzte Grund“, 1955 begonnen und zuerst 1957 erschienen, ist konstruiert durch eine Ansammlung von einzelnen Szenen, die die Gesamthandlung ‘stückchenweise’ fortführen. Durch diese strenge Durchstrukturierung an der Oberfläche ist es wahrscheinlich, dass sich diese bis in den Text hinein verfolgen lässt und dort durch weitere sprachliche und inhaltliche Mittel verstärkt wird.

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II. Äußere Strukturierung

Bereits die oberflächliche Betrachtung des Romans zeigt die Gliederung des Textes in bestimmte Einheiten.

2.1. Leerzeilen

Die einzelnen Texte der Szenen sind untereinander bereits durch Leerzeilen voneinander abgegrenzt. Diese oberflächliche Absetzung vermittelt den Eindruck der Distanzierung der Personen und Handlungen in dem Roman untereinander. Es
[...] vermittelt dem Stück Atmosphäre des Spätherbstes 1937 im faschistischen Deutschland. Diese ist von Bedrohung, Gefahr und Erfahrung der Einsamkeit geprägt. Zwar wird sie in den Dialogen, in denen sich die Figuren gegenseitig korrigieren, durch Momente gemeinsamen Handelns durchbrochen, aber nicht aufgehoben. (1)

Sie haben nichts weiter gemeinsam, als das sie das Land verlassen wollen/ können beziehungsweise müssen. So wie sie sich zufällig in Rerik treffen und das Schicksal seinen Lauf nimmt, so scheinen auch die Szenen zufällig aufeinander zutreffen. Allerdings folgen diese Szenen einem logischen Aufbau und einer Intention, wohingegen die Gegenwart eines lenkenden Geistes von den Figuren nicht anerkannt wird. Selbst der Pfarrer zweifelt mittlerweile seinen Glauben an, hat er doch schon sehr lange auf ein Zeichen gewartet, das nie zu kommen schien.
Darüber hinaus vermittelt die Distanzierung an der Oberfläche bereits einen Eindruck der Verschworenheit, die die Personen und ihre Handlungen umgibt. Das, was in der vorangehenden Szene geschieht, gehört nicht zum Wissen aller Personen in der darauffolgenden.

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2.2 Schriftarten und Namen in Szenenüberschriften

Ein weiteres Mittel der Abgrenzung der Szenen untereinander ist die Verwendung zweier verschiedener Schriftarten. Zu Beginn des Romans wird mit dem kursiven Schriftstil eingesetzt. Die nächste Szene wird normal gedruckt. Diese beiden Schriftarten werden durchgehend alternierend bis zum Schluss verwendet.
Sämtliche 37 Szenen sind mit den Namen von den Personen überschrieben, die darin eine Rolle spielen. Die ersten 11 Szenen sind mit jeweils nur einem Namen überschrieben, danach erscheinen bis zu drei Namen als Überschrift.
Obwohl noch andere Personen im Roman vorkommen und den Handlungsablauf mitbestimmen, werden nur fünf von ihnen in den Szenetiteln erwähnt: Der Junge, Gregor, Helander, Judith und Knudsen. Dabei ist auffällig, dass der Junge eine äußerst markante Außenseiterrolle einnimmt. Nicht nur sind seine Texte immer kursiv gedruckt und sind als ‘Block’ zwischen zwei normal gedruckten Texten gesetzt, sondern taucht er auch in keiner anderen Kapitelüberschrift mit den anderen Personen gemeinsam auf. Er wird zwar in den Szenen dort erwähnt und spielt mitunter eine bedeutende Rolle, aber ihm bleiben nur seine eigenen Szenen mit namentlichen Erwähnungen im Titel.
Der Roman beginnt und endet mit einer „Der Junge“ überschriebenen Szene. Somit sind siebzehn, zumeist kurze, halbseitige Szenen ihm gewidmet. Nur drei seiner Szenen sind über eine Seite lang.
Die Figurenkonstellationen in den Szenenüberschriften mit mehr als einem Namen sind nie gleich. Zumindest die Anordnung der Namen ändert sich. Alle Namen tauchen in Verbindung mit den jeweils andern auf. Außer dem Jungen gibt es keine weitern Außenseiter. Eine zentrale Figur ist Gregor: In den vier Szenen mit drei Personen im Szenenkopf ist er in den letzten drei in der Mitte platziert. Er ist derjenige, der die Flucht des lesenden Klosterschülers und Judiths initiiert und sich dafür verantwortlich fühlt. In der ersten Dreierkonstellation steht Knudsen im Mittelpunkt, denn noch hat er sich nicht entschieden zu fahren, so dass der Ausgang noch von ihm abhängig ist. Hier zeigt sich bereits, dass die Szenenüberschriften stark strukturiert sind und nicht etwa eine zufällige Anordnung von Namen. Die Person in der Mitte ist der Angelpunkt, um den sich die äußeren gruppieren. In dem ersten Zusammentreffen von drei Personen in der 20. Szene (Helander - Knudsen - Gregor) ist Helander angewiesen auf Knudsen, damit dieser mit seinem Boot die gefährdete Figur aus Rerik und nach Schweden bringt. Gregor hat sich schon von der kommunistischen Partei entfernt, aber noch nicht dazu verpflichtet, neue Verantwortung zu übernehmen.
In der 22. Szene (Judith - Gregor - Knudsen) hat Knudsen sich entschieden, mit der Figur über die Ostsee zu fahren und hat sich ebenfalls von ideologischem Denken befreit. Durch seine Entscheidung gibt er seine Position im Zentrum des Geschehens an Gregor ab. Dieser erkennt bereits die abhängige Position Judiths. Auch in der dritten Dreierkonstellation in der 30. Szene (Judith - Gregor - Helander) wiederholt sich das Schema von Abhängigkeit - Angelpunkt - Freiheit. Judith ist weiterhin bedroht und von Gregor abhängig. Pfarrer Helander hat sich gegen die Flucht ins Krankenhaus entschieden und befreit sich von seiner Sorge und Verantwortung um den „Lesenden Klosterschüler“. In der 34. Szene (Knudsen - Gregor - Judith) ist Judith so gut wie außer Gefahr, doch ihre Freiheit bedeutet Knudsens Abhängigkeit von Gregor, ist ihm ausgeliefert und muss sich seinen Wünschen beugen. Das System von Abhängigkeit auf der linken Seite der Szenenüberschrift und Freiheit auf der rechten Seite lässt sich auch auf die Überschriften mit nur zwei Namen übertragen.
Nicht nur die Beziehungen der Personen untereinander lassen sich an den Szenentiteln festmachen, sondern auch die Stellung der Szene im Gesamtkontext lässt sich ablesen. Während die Handlung in allen Szenen (mehr oder weniger) vorangetrieben wird, werden doch die bedeutendsten Szenen durch eine mehrnamige Überschrift hervorgehoben. Höhe- und Wendepunkte werden direkt angezeigt durch die Länge der Szenentitel.
Außerdem ist ein weiteres Indiz für die Zuspitzung der Handlung die Häufigkeit mit der die Anzahl der Namen in den Titeln wechselt (Hierbei sind die kürzeren Szenen des Jungen ausgenommen). So beginnt der Roman mit fünf einleitenden Szenen mit jeweils einem Namen in der Überschrift. Darauf folgt das erregende Moment in einer Szene mit der Darstellung der Situation des „lesenden Klosterschülers“ (2 Namen). Nun folgen noch zwei Szenen mit Darstellungen von Judith und Gregor (jeweils ein Name von zwei wichtigen Personen).In der darauffolgenden Szene treffen sich Knudsen und Gregor (zwei Namen). Nun folgen zwei bedeutende Szenen mit jeweils drei Namen, in denen die Entscheidung fällt, mit dem Klosterschüler das Land zu verlassen. Nach noch einmal zwei Szenen mit einem Namen folgen 5 Szenen, in denen sich die Anzahl der Namen ständig ändert. Hier spitzt sich die Handlung zu und die Flucht wird Realität. Die letzten drei Szenen mit wieder nur einem Namen bilden den Ausklang.

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2.3. Bedeutung des Schriftstils in den Überschriften

Es ist bemerkenswert, dass, obwohl die Texte von Helander, Gregor, Knudsen und Judith mit normalen Typen geschrieben sind, ihre Überschriften doch kursiv gehalten sind, ebenso wie die des Jungen. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie vielleicht doch mehr Ähnlichkeit mit dem Jungen haben, als man zunächst annehmen sollte.
Wie bereits erwähnt, werden die Szenen des Jungen kontrapunktisch zu den Szenen der übrigen Personen gestaltet und platziert. Aber nicht nur in der oberflächlichen Darstellung des Textes ist dies der Fall, sondern auch in der Gestaltung der Person selber.
Zunächst fällt sofort auf, dass der Junge die einzige Person ohne Namen ist. Alle anderen werden, teilweise sogar mit mehreren, Namen bezeichnet. Dies, zusammen mit der großen Mehrheit an Szenen, weist darauf hin, dass nicht nur der Junge gemeint ist, sondern dass er stellvertretend ist für eine breite Öffentlichkeit, die um Personen wie Judith, Helander, Knudsen und Gregor herum ist und diese voneinander isoliert. Diese überwältigende Öffentlichkeit hat nicht viel zu sagen, ist ganz in sich zurückgezogen, hat nicht viel mit den anderen Menschen oder Gedanken zu tun und lebt in einer Traumwelt. Doch selbst diese Öffentlichkeit kann sich nicht ganz der Realität entziehen, denn auch der Junge ist gebunden an seine Mutter; er fühlt sich eingeschränkt und bevormundet. Aus diesem Gefühl heraus erwächst beim Jungen der Gedanke, das Land zu verlassen. Er nennt dafür drei Gründe.
Darüber hinaus haben sowohl der lesende Klosterschüler, als auch Judith und Gregor Gründe, um das Land zu verlassen. Allen Dreien droht Verfolgung und Tod. Sie sind konkrete Stellvertreter für drei positive menschliche Eigenschaften. Der lesende Klosterschüler ist auf der Suche nach Wahrheit und nicht bereit alles zu akzeptieren, was man ihm als solches präsentiert. Judith wird für ihre Religion, ihren Glauben, verfolgt. Auch Gregors Glaube an die Freiheit ist gefährlich. Die drei zurückbleibenden Personen (Helander, der Junge, Knudsen) tun dies aus Verantwortung gegenüber den Menschen, somit haben auch sie ihre Gründe.

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III Gliedernde Elemente in der inneren Struktur

Die Konzentration auf die inneren Vorgänge der Figuren und der Umgang mit spannungserzeugenden Elementen, die für jede einzelne Szene und für die gesamte Struktur eingesetzt werden, weisen auf die von Alfred Andersch gemachten Erfahrungen in der Hörspielarbeit hin. Daneben prägt sich eine Besonderheit seines erzählerischen Verfahrens aus, die in der Verbindung von nachprüfbarer Beschreibung und erzählerischer Fiktion zu sehen ist.

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3.1.Handlungsort und -zeit

Handlungsort des Geschehens ist Rerik, ein Fischerdorf an der westlichen Ostseeküste, das gewissermaßen zu drei Seiten hin abgeschlossen, nur dem Meer zu noch offen für die Flüchtlinge ist. Die topographische Lage des Ortes ist mit großer Genauigkeit beschrieben und durch den Leser überprüfbar. Die Handlungszeit wird auf einen späten Oktobertag des Jahres 1937 vom frühen Nachmittag bis zum frühen Morgen des darauffolgenden Tages datiert.

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3.2. Die Figuren

Die beschreibenden Elemente des Erzählens schaffen eine intensive sinnliche Beziehung des Lesers zur dargestellten Landschaft und zu den Figuren.
Zunächst führt Andersch die Beteiligten - Gregor, Helander, Knudsen, Judith, der Junge - in Monologen ein. Dabei berichtet er in erlebter Rede, wo sie sich befinden und wie sie ihre nähere Umgebung aufnehmen. Ihre Pläne, Absichten, Gedanken, ihre Vergangenheit und ihr geistiges Herkommen werden in Monologen so dargestellt, dass die Gedanken und Gefühle dem Leser erlebbar werden.
Die wechselnde Figurenperspektive und die Konzentration auf wenige Figuren prägen die Komposition  des Romans. Durch das analytische Vorgehen, das zumeist nach der so dargebotenen Welt der Figuren fragt, stößt man über die Rekonstruktion auf die Bedeutungsebene des Romans vor.
Da wäre zunächst Gregor, der als kommunistischer Funktionär mit dem Auftrag eingeführt wird, seinen Genossen Knudsen in Rerik zu treffen, ihn über das neue Fünfergruppensystem zu unterrichten, das einen höheren Grad von Sicherheit in einer Zeit gewähren soll, in der die Faschisten zum erneuten Schlag gegen die Widerstandsbewegung ausholen. Gregor gedenkt, diesen seinen letzten Auftrag zu erfüllen und sich dann ins Ausland abzusetzen. Er will nach eigener Vorstellung leben , weil er am Sinn seiner Parteiaufträge seit langem zweifelt.
Eine ähnliche Ausgangssituation gilt auch für Knudsen, dem Fischer, der sich ebenfalls von der politischen Arbeit der Partei zurückziehen will, weil er fürchtet, dass seine psychisch labile Frau Bertha den faschistischen Euthanasie- Gesetzen zum Opfer fallen wird. Er ist verbittert, sieht sich von der Partei verlassen, begreift den Sinn ihrer taktischen Beschlüsse nicht.
Die Ausgangssituation von Helander, dem Geistlichen, ist ähnlich. Anders ist sie dadurch, dass er sich in seiner Widerstandshaltung nur auf sich selbst verwiesen sieht. Sein Gott, von dem er seit langer Zeit ein Zeichen erhofft, schweigt. Er kann nicht auf den Beistand seiner Kirche bei seinem Vorhaben, den „lesenden Klosterschüler“ nach Schweden vor dem Zugriff der „Anderen“ in Sicherheit zu bringen, nicht rechnen. Deshalb sucht er die Hilfe des kommunistischen Fischers, der das Verlangen des Geistlichem, sein Leben für „einen kirchlichen Götzen“ einzusetzen, erstaunt und misswillig zur Kenntnis nimmt. Er will nichts mehr riskieren, für niemanden.
Für Gregor, Helander und Knudsen zeichnet Andersch bei aller unterschiedlichen Motivierung und verschiedenartigen Geschichten eine gemeinsame Ausgangsposition: Sie hassen die „Anderen“, sind Antifaschisten und leben in Distanz beziehungsweise im Konflikt mit ihrer politischen und geistigen Heimat, der sie sich aber dennoch zugehörig fühlen. Dahingegen hat Judith als rassisch Verfolgte keine Wahl. Ihre Lebensbedrohung ist elementar und durch kein Risiko zu verringern oder zu erhöhen. Sie wird im Fremdenzimmer des Gasthauses „Wappen von Wismar“ dem Leser bekannt gemacht. Sie muss dieses Land verlassen, aber sie weiß nicht wie und kennt keine Menschen, die ihr helfen können. Ihr totales Ausgeliefertsein an ihre Verfolger ist ihre wirkliche Situation, die Rettung ist ein Zufall.
Im weitern Gang der Handlung werden die Figuren zueinander in Beziehung gesetzt, wobei Gregor eine zentrale Rolle zufällt. Durch ihn werden die zwei getrennt voneinander verlaufenden Fluchtaktionen in Zusammenhang gebracht: Judiths Flucht und der Transport des lesenden Klosterschülers. Gregor bringt Knudsen dazu, beide mit seinem Fischerboot zu transportieren und organisiert die Aktion. In der Komposition drückt sich Gregors zentrale Stellung darin aus, dass er in fast allen Abschnitten anwesend ist, in denen die Figuren zueinander in eine Beziehung gesetzt werden. Es gibt nur eine einzige Szene zwischen Helander und Knudsen, in der Gregor fehlt. Auch das zentrale Thema des Romans, die Freiheits- und Entscheidungsproblematik, wird am Schicksal Gregors abgehandelt.
Häufiger noch als Gregor- Passagen platziert Andersch die inneren Monologe des Jungen. Er nimmt innerhalb des kompositorischen Aufbaus eine Sonderstellung ein. Die Monologe des Jungen begleiten die Erwachsenenhandlung, erst in den letzten Abschnitten tritt er in diese ein. Der Junge hat eine kommentierende Funktion. Er beobachtet die ablaufenden Ereignisse aus der Position eines Unbeteiligten und relativiert so in einigen Momenten die Sicht der anderen Personen. Auch er will Rerik verlassen, hat jedoch seine eigenen Gründe. Er handelt nicht aus Not, sondern aus Langeweile und weil sein Vater, ein Fischer, in Rerik zugrunde gegangen ist, ohne dass ihm jemand geholfen hätte, und weil er ganz einfach Fernweh hat nach Sansibar oder Amerika. Zur Welt der Erwachsenen hat er keine Beziehung, was sie bewegt, interessiert ihn nicht. Er nährt seine Fernwehträume mit Mark Twain , phantasiert von abenteuerlich- ungebundenem Leben, von Selbstbestimmung und mutigem Einsatz. Er beobachtet mit Überraschung die Beziehungen, die sich plötzlich zwischen dem Geistlichen und dem Kommunistischen Fischer anbahnen und übernimmt die Rolle der ‘öffentlichen’ Meinung des Ortes. Erst als er in die Handlung der Erwachsenen eintritt, weil er bei der Flucht mit dem Boot eine aktive Rolle zu übernehmen hat, entdeckt er für sich eigenen Handlungsraum. Er begleitet den Fischer mit seiner Fracht nach Schweden und beginnt sich gedanklich auf ein ungebundenes, abenteuerliches Leben einzustellen. Als er den wartenden Fischer auf dem Boot sitzen sieht - für ihn wäre es lebensgefährlich, ohne den Jungen zurückzukehren, entscheidet er sich gegen Sansibar und kehrt mit ihm zurück.
Sowohl der Entschluss Knudsens, nach Schweden zu fahren (und wieder zurückzukehren), als auch der des Jungen, Knudsen nicht in die Lage zu bringen, ohne ihn zurückfahren zu müssen, spiegeln ein zentrales Thema des Romans wieder.
Für den 15jährigen Jungen [...] entwickelt sich die Barlach Figur von einer ‘Figur aus der Kirche’, die er nach der Konfirmation mied, zu dem brüderlichen, leidenschaftlichen Leser, der alles lesen darf, ‘was er will’ (S. 136). Aber die kindliche Trotzhaltung, die sich den Lesenden als einen vorstellt, der einfach ‘abhaut’, auf niemanden Rücksicht nimmt, ‘egal, was er zurückließ’ (s. 136), macht einer neuen, überraschenden, noch eher geahnten als bewußten Mitmenschlichkeit platz. Die Fabel von Sansibar führt die Figuren [...] zu einer existentiellen Annahme von Verantwortung für den Anderen, die beispielhaft gemeint ist. [...] Statt das bereits erreichte Schweden als Sprungbrett für die Träume von Sansibar und Mississippi zu nützen (Andersch lässt keine Zweifel an der konkreten Überlebensfähigkeit des Jungen in der neuen Freiheit einer abgelegenen Blockhütte, kehrt der Junge zu Knudsen zurück, hilft diesem aus seiner sonst unhaltbaren Lage (sollte er alleine nach Rerik zurückkehren, erwartet ihn mit Sicherheit Verhaftung wegen Fluchthilfe) und zieht so, spontan handelnd, neue Mitverantwortung der bereits greifbaren Freiheit vor. (2)

Diese Handlungsweisen der Figuren vermitteln einen moralischen und politischen Appell. Die zahlreichen formalen Anknüpfungselemente, die Andersch für den Aufbau einer solchen Appellstruktur bietet, verraten die Planung und Konstruktion des Ganzen: Die Beschränkung auf wenige Personen für die Inszenierung einer Aktion , einer Flucht aus dem faschistischen Deutschland, hat den Charakter einer Versuchsanordnung.
Gregor, Helander und Knudsen sind dabei, bisherige politische und geistige Bindungen zu zerreißen, sich gewissermaßen in den Motiven ihres Handelns auf sich selbst zurückzuziehen. In den Monologen und Dialogen findet eine gründliche Ummotivierung des Handelns bei Knudsen und Gregor statt. Den Entschluss, sich von den Aufträgen der Partei fernzuhalten, folgt bei Gregor die bewusst vollzogene Entscheidung, fernerhin in eigener Regie zu leben und nach eigenem Auftrag zu handeln. Knudsen versucht, sich auf das eigene Überleben zu konzentrieren. Im Laufe der Handlung aber beginnt Gregor, eben aus dieser eigenen Verantwortung heraus, sich für die Rettung des „Lesenden Klosterschülers“ und des jüdischen Mädchens einzusetzen, es gelingt ihm, die widerwillige Abwehr des Fischer zu durchbrechen und ihn zum solidarischen Handeln zu bewegen. Sie beginnen, ohne Auftrag zu handeln bzw. geben sich den Auftrag für ihr Handeln selbst. Dieses Handeln wird durch einfache menschliche Motive und nicht mehr durch politische Einsichten oder weltanschauliche Bindungen ausgelöst. Der Ausgangspunkt des Pfarrers ist in diesem Zusammenhang ein anderer. Er empfängt keine Aufträge von kirchlichen oder anderen Institutionen, auch Gott gibt nicht das erwartete Zeichen. Er ist auf sich selbst verwiesen und wendet sich aus eigenem Entschluss an den kommunistischen Fischer, um die Plastik ins Ausland zu retten.
In Sansibar oder der letzte Grund ist die Flucht historisch konkret und Konfliktebene des Romans. Aber die Flucht erscheint nicht als Wert an sich, sondern sie steht im Zusammenhang zu mitmenschlicher Verantwortung. Knudsen kehrt zurück, weil er seine Frau nicht der faschistischen Ausrottungspolitik ausliefern will, der Junge, weil er begreift, in welche Gefahr er den Fischer bringen würde, Gregor beansprucht für sich keinen Platz im Boot, weil er Judith als hilflos und gefährdet erkennt. Helander schließlich beschreitet die Fluchtwege, die sich ihm öffnen, nicht, sondern stirbt, sich wehrend, im offenen Kampf. (3)

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3.3. Zufall und Spannungselemente

Aus der Atmosphäre der drohenden Gefahr ergeben sich Spannungsmomente, die ein wesentliches Charakteristikum der Romanhandlung ausmachen. Dem Zufall kommt dabei entscheidende Funktion zu. Das Treffen der fünf Menschen in Rerik kann zwar aus der Tatsache begründet werden, dass hier noch ein Fluchtweg offen zu sein scheint, die eigentliche Handlung konstituiert aber der Zufall. Gregor erkennt in Judith sofort die verfolgte Jüdin, der Pfarrer vertraut sich dem kommunistischen Funktionär an, jeder hat seine eigenen Interessen, und dennoch entwickelt sich daraus eine gemeinsame Aktion. Aus dem Zufall entwickelt sich eine sinnvolle, historisch begründete Aktion, die der Leser mit Spannung nachvollziehen kann. Für jede einzelne Situation, in der die Figuren stehen, wird die Spannung neu aufgebaut. Es werden immer wieder neue Fragen aufgeworfen, deren Beantwortung in späteren Szenen erwartet wird. Diese Momente der Ungewissheit halten den Leser ununterbrochen in Atem , richten seine Gedanken auf den Erfolg der Aktion, auf die Rettung. Ihre Notwendigkeit ist das Übereinkommen, das der Autor vom Beginn an mit dem Leser herstellt. Der Freiraum für die gedankliche Aktivität des Lesers beginnt dort, wo auf die Bedingungen ihres Zustandekommens gelenkt wird, auf die Motive, die inneren Kämpfe und Verhaltensweisen der Figuren.
Indem der Autor die innere Reflexion zum Angelpunkt der ästhetischen Präsentation werden lässt, die Handlung in Figurengebundene Perspektive darbietet, bezieht er den Leser in den Zusammenhang von äußeren Vorgängen und Denken, von Erinnerung und Handeln, von Erlebnis und Urteil der Figuren ein und ermöglicht ihm einen aktiven gedanklichen Mitvollzug. (4)

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IV Weitere kompositorische Aspekte

Weitere Aspekte, die den Roman stark gliedern und leitmotivisch wirken, sollen hier nur noch kurz gestreift werden.

4.1. Formen und Farben

Formen, die von den Figuren wahrgenommen werden, sagen viel über ihren momentanen Zustand und ihre Lage aus. Zu Beginn des Romans, noch bevor Gregor Rerik erreicht hat, ist für ihn das, was ist, nichts anderes. Er kann es sich nicht leisten, in Formen und etwas anders als die Realität zu erkennen: „Da man jedoch bedroht war, dachte Gregor, war nichts wie etwas anderes. Die Gegenstände schlossen sich in die Namen, die sie trugen, vollkommen ein. Sie wiesen nicht über sich selbst hinaus.“(5) Nachdem er seinen Auftrag ausgeführt und sich von allen Zwängen befreit hat, ist es ihm möglich, sich Illusionen hinzugeben:
Als er aufsah, erblickte er die Türme von Rerik in der Ferne. Von hier aus gesehen waren sie keine schweren, roten Ungeheuer mehr, sondern kleine blasse Klötze im Grau des Morgens, feine quadratische Stäbe, blaugrau am Rande des Haffs. (6)

Der Roman weist weiterhin eine Unmenge von Farbadjektiven auf. Dies zeigt, dass Farben einen noch viel stärker strukturierenden Charakter haben. Es scheint, dass die Farben schwarz, rot und blau mit Einsamkeit und Ablehnung assoziiert werden können (ähnlich wie die Kirchtürme von Rerik, die abweisend wirken). Die Farbe weiß ist ein Symbol für Gefahr und Ausnutzung (der Wirt im „Wappen zu Wismar“ wird von Judith als sehr weiß bezeichnet). Grau wird gedanklich verbunden mit Morgendämmerung, es stellt keine negativen oder bedrohlichen Dinge dar. „Farben und Formen erhalten bei Andersch leitmotivische Funktion und schaffen eine dichte erzählerische Atmosphäre.“ (7)

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4.2. Der Witz der Frau des Fischers

Der Witz, den Bertha, die Frau des Fischer, immer wieder erzählt, kann als eine Parabel auf die Situation gewertet werden, in der sich das faschistische Deutschland befindet. Die Irren, die immer wieder in ein leeres Schwimmbecken springen, lernen nicht aus ihrem falschen Verhalten. Obwohl sie, aufgrund ihrer blauen Flecken, sehr genau wissen, dass dies nicht die richtige Vorgehensweise ist, ändern sie sie nicht.

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4.3. Wasser

Auch das Wasser hat mehr als eine oberflächliche Bedeutung. Zu Beginn sieht Gregor es als eine vielversprechende Möglichkeit auf Flucht; es ist für ihn der Weg in die Freiheit. Judith dahingegen fühlt sich von diesem Wasser gefangen und muss aber gleichzeitig darüber fliehen, sie hat keine andere Wahl. für sie ist es eisig. So empfindet es auch Gregor zum Schluss, er erkennt, dass die Flucht für ihn in dieser Richtung nicht die optimale Lösung ist.

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4.4. Kirchtürme

Die Kirchtürme, die unnahbar und bedrohlich erscheinen, werden sehr weit personifiziert. Sie beobachten, überblicken und haben einmal auch Stimmen. Normalerweise werden Kirchtürme als versprochene Zuflucht angesehen, als Angebot von Hilfe in der Not. Dadurch, dass diese Kirchtürme dieses Versprechen nicht einlösen, zeigt sich, wie es fast unmöglich es ist, Hilfe und Gleichgesinnte zu finden; auch und gerade bei (unabhängigen) Gruppen und Organisationen, die eigentlich in Opposition zu den herrschenden Verhältnissen stehen sollten.


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V. Literaturangaben

Primärliteratur:
Andersch, Alfred. Sansibar oder der letzte Grund. Leipzig: Reclam 1990 (= Reclams Universal Bibliothek Band 1331).

Sekundärliteratur:
Andersch, Alfred. Perspektiven zu Leben und Werk. Hg. v. Irene Heidelberger- Leonard u. Volker Wehdeking. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH, 1994.
Reinhold, Ursula. Alfred Andersch. Politisches Engagement und literarische Wirksamkeit. Berlin: Akademie- Verlag, 1988.
Wehdeking, Volker. Alfred Andersch. Stuttgart: Metzler, 1983 (= Band 207).

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Fußnoten

(1) Ursula Reinhold. Alfred Andersch. Politisches Engagement und literarische Wirksamkeit. (Berlin Akademie- Verlag, 1988) S 129.

(2) Volker Wehdeking. Alfred Andersch. Stuttgart: Metzler, 1983 (= Band 207). S. 81 f.

(3)Ursula Reinhold. Alfred Andersch. Politisches Engagement und literarische Wirksamkeit. (Berlin: Akademie- Verlag, 1988). S. 133

(4) Ursula Reinhold. Alfred Andersch. Politisches Engagement und literarische Wirksamkeit. Berlin: Akademie- Verlag, 1988. S. 130

(5) Alfred Andersch. Sansibar oder der letzte Grund. Leipzig: Reclam 1990 (= Reclams Universal- Bibliothek Band 1331). S. 8

(6) Alfred Andersch. Sansibar oder der letzte Grund. Leipzig: Reclam 1990 (= Reclams Universal- Bibliothek Band 1331). S. 130f.

(7) Ursula Reinhold. Alfred Andersch. Politisches Engagement und literarische Wirksamkeit. Berlin: Akademie- Verlag, 1988. S. 135

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