Materialien

für den Deutschunterricht - Sekundarstufe II

Gedichte

Beispiel Seminararbeit:
Interpretation "An den Mond" (Johann Wolfgang von Goethe)

Wortwolke An den Mond
Der Text der Gedichte als Wortwolke - erstellt mit http://www.wordle.net/

 

Gliederung

AN DEN MOND (erste Fassung)
AN DEN MOND (Spätere Fassung)
Einleitung: Inhalt und Hintergrund
Kurze Inhaltsangabe des Gedichts
Hintergrund und Überlieferung
Hauptteil: Analyse und Interpretation
Formale Struktur und Aufbau des Gedichts
Interpretation der zweiten Fassung
Vergleich der ersten Fassung mit der zweiten
Naturgedicht
Literaturverzeichnis

AN DEN MOND

Erste Fassung


Füllest wieder’s liebe Tal
Still mit Nebelglanz
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz.


Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick
Wie der Liebsten Auge, mild
Über mein Geschick.


Das du so beweglich kennst,
dieses Herz in Brand,
Haltet ihr wie ein Gespenst
An den Fluß gebannt,


Wenn in öder Winternacht
Er vom Tode schwillt
Und bei Frühlingsleben Pracht
An den Knospen quillt.


Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Mann am Busen hält
Und mit dem genießt,


Was den Menschen unbewußt
Oder wohl veracht’
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

AN DEN MOND

Spätere Fassung

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;
Breitest über mein Gefild

Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.
Jeden Nachklang fühlt mein Herz

Froh - und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud’ und Schmerz
In der Einsamkeit.
Fließe, fließe lieber Fluß!


Nimmer werd’ ich froh,
So verrauschte Scherz und Kuß,
Und die Treue so.
Ich besaß es doch einmal,


Was so köstlich ist!
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt!
Rausche, Fluß, das Tal entlang,


Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu,
Wenn du in der Winternacht


Wütend überschwillst,
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.
Seelig, wer sich vor der Welt


Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,
Was, von Menschen nicht gewußt


Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

nach oben

Einleitung: Inhalt und Hintergrund

Kurze Inhaltsangabe des Gedichts

Das Gedicht An den Mond handelt von zwei Dingen: Zum einen ist es eine Beschreibung einer mondlichtbeschienenen Landschaft, zum anderen ist es ein Gedicht über das Innenleben eines Sprechers, der hier anscheinend einem verlorenen Etwas nachtrauert, das nicht näher benannt wird. Aus dem Kontext heraus kommt man aber zu der Annnahme, daß es sich um eine verlorene Freundschaft oder Liebe handelt. Ein leise resignierender Ton zieht sich durch das Gedicht und läßt die einzelnen Sprachbilder zu Stationen einer Rückschau werden, zu einem Rückblick auf einmal Erlebtes, auf innegehabte Freude und erlittenen Schmerz vergangener Zeit. Es ist der Monolog eines Einsamen, der in der Hingabe an den milden Glanz des Mondes eine Linderung seines Geschickes erfährt. Sie löst die Verkrampfung seiner Seele, entwirrt das „Labyrinth der Brust“ und bringt dem bedrängten Herzen Heilung. Durch die Überschrift wird verdeutlicht, daß es sich bei diesem als Monolog abgefaßten Gedicht um eine Anrede an den Mond und ein Zwiegespräch mit der Natur handelt.

nach oben

Hintergrund und Überlieferung

Die erste Fassung des Gedichts ist überliefert zwischen Goethes Briefen an Frau Stein. Es ist ohne Datum und entstand zwischen 1776 und 1778. Dort waren auch Noten zum Singen beigefügt. Die zweite Fassung stammt aus Schriften des Jahres 1789.
Während die erste Fassung am Ende von Goethes Sturm und Drang bzw. in seiner Früh - Weimarer Zeit entstand, ist die zweite Fassung etwa 10 Jahre später eventuell in Italien entstanden.
Nach Ursula HEUKENKAMP stellt sich die Entwicklung der Naturlyrik, zu der auch dieses Gedicht zu zählen ist, zu dieser Zeit wie im Folgenden dar:
Die Natur, die in den beiden Gedichten eine wichtige Rolle spielt, ist in großen Teilen der Literatur des 18. Jahrhunderts der Hort der ethischen und moralischen Normen der bürgerlichen Gegenöffentlichkeit. Hier wird Natur als Stätte eines erwünschten Rückzugs von den Realitäten angesehen. Sie ist mehr oder weniger ausgeführte Gegenwelt. Die Natur wird mit dem Ewigen und Gesetzlichen gleichgesetzt. Dadurch ist für menschliche Subjektivität, ihr Wirken und ihre Entwicklung, durch die sie sich von der Natur abstößt, kein Platz, wenn das Menschliche ganz und gar in die außermenschliche Welt verlegt ist. Das nächtliche Zwiegespräch mit dem Mond war ein Lieblingsmotiv der Zeit. Besonders bevorzugt von der empfindsamen Strömung innerhalb der Aufklärung bot es dem neu entdeckten Selbstgefühl reichlich Ausdrucksmöglichkeiten. In Goethes Lyrik vereinigt das Motiv das Erbe des Rokoko mit dem Menschenbild und der Naturauffassung der empfindsamen Strömung, den spielerischen Umgang mit der Natur und die erwartungsvolle Selbstgewißheit, die das Subjekt zum gleichberechtigten Partner des Universums macht. Der Zusammenfluß beider Quellen in Goethes lyrischen Stil ist an dem Bedeutungsreichtum, den die schöne Natur in sich trägt, beteiligt. Goethe entwickelt sie nicht willkürlich, sondern nimmt mit dem Motiv Elemente einer poetischen Sprache und deren Gehalte auf, die im gesamten bürgerlichen Denken des 18. Jahrhunderts vorbereitet worden sind. Für klassische und romantische Lyriker war es selbstverständlich, daß Landschaften die Verkörperung des Schönen sind. Die unerläßlichen Dinge, zu denen auch die unmittelbaren Nöte wie Hunger und Kälte gehören, sind aus der Natur ausgewiesen. Die Poesie macht die Natur zum Begleiter des empfindenden Menschen. Es bedarf des Subjekts, daß sich seiner Fähigkeit zu empfinden, bewußt ist und seiner Ergriffenheit von der Natur eine überpersönliche Bedeutung, das Gewicht einer besonderen Erfahrung hinzufügt.
Die beseelte, fühlende und sprechende Natur in der Lyrik des Sturm und Drang bezieht sich auf die nahe Natur. Die beseelte Natur ist ein stehendes Element der gesamten Idyllik seit der antiken Schöpfer- und Hirtenpoesie und setzt sich von dort in kaum unterbrochener Folge bis ins 18. Jahrhundert fort. Außerdem überliefert die Volkspoesie eine Bilderwelt, in der die unbelebte und belebte Natur mit dem Menschen lebt, Anteil an ihrem Schicksal nimmt und eine Sprache hat.
Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert trägt die Natur äußerst menschliche Züge. Sie ist dem Ich sehr vertraut. Es erlebt sich selbst in der Natur, findet seine geheimsten Fragen ausgedrückt, seine Empfindungen gesteigert und gereinigt. Manchmal, wie auch in An den Mond, stellt sich der Zusammenhang mit dem Ganzen, die Vereinigung des Ichs mit der Menschheit in dieser Erfahrung der Natur her.
Das in der ersten Fassung erwähnte, an den Fluß gebannte, Gespenst wird in der Sekundärliteratur oft als Anspielung auf ein junges Mädchen gewertet, das kurz vor der Entstehung des Gedichts Fluß in der Nähe von Goethes Gartenhaus aus dem Fluß geborgen wurde. Sie beging ihren Suizid nach der Lektüre des „Werther“, der in ihrer Tasche gefunden wurde.
„Darauf werden wir sogleich durch die beiden mittleren Strophen geführt, die sich auf ein Ereignis beziehen, das Goethe kurz zuvor erschüttert hatte. Denn wenn es dort heißt, das er sich wie ein Gespenst an den Fluß gebannt fühle, so ist der Grund dafür, daß man vor wenigen Wochen oder Tagen, ganz in der Nähe seines Gartenhauses, die Leiche eines unglücklichen Mädchens aus diesem Fluß gezogen hatte, das aus Liebeskummer freiwiilig dort seinem Leben ein Ende Gemacht und sich Mut zu seinem schweren Gange aus dem ‘Werther’ geholt hatte, den man in seinen Kleidern gefunden. Und sei es nun Frühling oder Winter, Goethe kann an seinen lieben Fluß nicht denken, ohne gleichzeitig die Unglückliche vor sich zu sehen und sein fühlendes Herz ihrem traurigen Schicksale zuzuwenden. Sie geht ihm auch in solcher Mondnacht, und gerade in einer solchen, nicht aus dem Sinn.“ (H. A. Korff: Goethe im Bildwandel seiner Lyrik; 1958; Verlag Werner Dasien, Hanau/ M.)

nach oben

Hauptteil: Analyse und Interpretation

Formale Struktur und Aufbau des Gedichts

Das Gedicht „An den Mond“ ist wie ein Lied aufgebaut. In der ersten Fassung sind sechs, in der zweiten Fassung neun Strophen vorhanden. Die einzelnen Strophen bestehen aus jeweils zwei abwechselnd vorkommenden vier - bzw. dreihebigen Zeilen. Die vierhebigen Zeilen haben sieben Silben, die dreihebigen Zeilen werden gebildet aus 5 Silben. Diese Zeilen sind untereinander durch einen Kreuzreim verbunden.
Der Wechsel von betonten und unbetonten Silben läßt sich als Trochäus bezeichnen. Der mit einer betonten Silbe abschließende Zeilenausgang indiziert eine männliche Kadenz.
In der späteren Fassung des Gedichts sind die vierte, fünfte und sechste Strophe formal auffällig:
In der ersten Zeile der vierten Strophe liegt sowohl eine Alliteration als auch eine Assonanz vor: Fließe, fließe, lieber Fluß!“. Sowohl das alliterierende ‘f’ als auch das ‘ie’ kommen dreimal vor.
Die fünfte Strophe hat im Gegensatz zu den anderen Strophen in jedem Vers einen einzigen Hauptgipfel (besaß, köstlich, Nimmer). Durch die starken Hebungen wird eine dramatische Spannung hervorgerufen.
In der sechsten Strophe ist in „Rausch.../ ...Rast und Ruh“ gleichfalls eine Alliteration zu erkennen.

nach oben

Interpretation der zweiten Fassung

Obwohl es sich oberflächlich um ein Naturgedicht zu handeln scheint, wird wesentlich mehr Zeit und Aufwand auf den Gefühlszustand des Sprechers verwendet. Zwei Drittel des Gedichts haben die Erinnerungen und Gedanken des Sprechers zum Inhalt.
Die Gefühlslage des Ichs bleibt aber während des Gedichts nicht konstant, sondern findet während des Voranschreitens seine Genesung von der melancholischen Gemütslage. Diese schließlich eintretende Heilung des Ichs an der Natur wird am Gedichtsbeginn vorweggenommen. Das schafft eine überschauende Perspektive. So wirkt das Ich nicht ruhelos und ohnmächtig, sondern verfügt, obwohl leidend, über seine Beziehung. Die Heilung beginnt, wenn das Ich sich aus seinem anfänglichen Zustand der Erstarrung ablöst und mit der Rede an Mond und Fluß die Wiederherstellung des Gefühls seiner selbst verwirklicht. Wenn es heißt “Breitest über mein Gefild/ Lindernd deinen Blick“, so zeigt dies nicht nur seelische Bewegung, sondern gleichzeitig körperlich empfundene Verbundenheit mit der Natur. Es fehlt zwar der starke Reiz, dafür schwingt darin mit, wie auch diese kleinen Gegebenheiten als sehr stark wahrgenommen werden. Hier arbeitet Goethe mit einer Synästhesie, die ein vollständiges Ergriffensein vermittelt.
Bei den letzten beiden Strophen könnte es sich um eine direkte Anrede an den Rezipienten oder um eine allgemeine Aussage über andere Menschen als den Sprecher handeln. Die hier gemachten Äußerungen scheinen im Gegensatz zu den vorhergehenden Ausführungen über das Seelenleben des Sprechers zu stehen. Hier wird von Seligkeit und nicht von Qualen wie in der 5. Strophe gesprochen. Trotzdem sind diese zwei anscheinend isolierten Strophen eventuell mit der vorhergehenden 7. Strophe verbunden, in der von jungen Knospen die Rede ist. Doch was sind Knospen anderes, als noch vor der Welt verschlossen, wie es in Strophe 8 angedeutet wird? Hier könnte sich also auch der Stimmungswechsel beim Sprecher vollzogen haben, der zuerst ähnlich dem Fluß in der (dunklen) Winternacht überschwillt und dann doch in einen helleren, bunteren Frühling über- und aufgeht. Das würde dann auch bedeuten, daß der Freund in den Strophen 2 und 8 derselbe wären und daß der Sprecher zusammen mit dem Freund in ihrer Meinung abgegrenzt sind von den anderen Menschen.
Die Form des sentimentalen Rückblicks läßt das empfindsame Ich eine Natur erleben, die sich ganz mit der eigenen Innenwelt deckt. Das Äußere wird zu Innerem, zu Seelenlandschaft und geistiger Welt. Entsprechend wirkt die Natur auf das Ich. Der Mond, der Busch und Tal neblig überglänzt, bewirkt im einsamen Ich die Lösung einer (vielleicht) spannungsvollen, aber auch leidhaften, im Konflikt stehenden Verfassung. Die Innigkeit, die schon in den früheren Gedichten auftrat, ist in dem später entstandenen An den Mond schon eine Gewißheit für das Ich.
Obwohl es sehr wohl ein Naturgedicht ist, ist Natur in ihrer greifbaren Gestalt kaum ausgeführt. Die ganze Beziehung zu ihr entwickelt sich aus der Funktion der Natur als Empfängerin der nächtlichen Rede. Ihre Teilnahme an Leid und Leidensüberwindung des Ichs scheinen Mond und Fluß zu Gefährten, den Monolog zur Wechselrede zu machen. Sie setzt im Ton großer Vertrautheit ein.
Der Gedankengang im Gedicht wird ausgelöst durch die Assoziation vom Mond mit dem Auge des Freundes. Das als mild und lindernd empfundene Licht des Mondes ist im „Blick“ personifiziert. So wie der Blick des Freundes sich lindernd über das „Gefild“ (Zeile 5) des lyrischen Sprechers breitet, so ruht es auch auf seinem „Geschick (Zeile 8).
Erst in Strophe 3 wird zurückgeblickt. Am Fluß wandelnd fühlt das lyrische Ich die Nachwirkung („Nachklang“, Zeile 9) des Erlebten: Der immer rauschende Fluß erinnert den Sprecher daran, wie Liebesglück und Treue „verrauschen“. Hier wird deutlich, daß es sich um Erinnerungen handelt und daß das Auge des Freundes nicht etwa simultan mit dem Mond schaut, denn hier spricht das lyrische Ich von seiner Einsamkeit.
Trotz der Bemerkung von „Freud“ und „Schmerz“ wird in den folgenden Strophen eigentlich nur negativ von der Freude („Nimmer werd’ ich froh“, „verrauschte Scherz und Kuß“) bzw. nur vom Schmerz („Qual“) gesprochen.
Die Erinnerung an das entschwundenen Glück („Ich besaß es doch einmal...“, Zeile 17) wird ausgedrückt durch das Bild des immerwährenden Fließen des Flusses, in dem sich eine Empfindungslage widerspiegelt, die zugleich das Vorwärtseilende und Mit - sich - Reißende verbinden kann mit dem Verrinnen einmal gelebter Lebens- und Liebeserfüllung. Die gegenwärtige Naturempfindung geht somit in der Einheit von Rückschau und Voraussicht auf, denn dem erinnerten Schmerz ist die freundschaftliche Liebe entgegengestellt, in der die Unbeständigkeit einstiger Liebe überwunden ist: “Selig, wer sich vor der Welt, / Ohne Haß verschließt, / Einen Freund am Busen hält...“ (Zeile 30 - 33). Das Ich nimmt im Erlebnis der Natur sein vielseitiges Wesen war. Das Individuum wendet sich ganz der freien Natur zu, um in ihr das konkrete Gegenüber zum eigenen Empfinden zu spüren und in der Vereinigung mit ihrer ungebändigten, aber auch mildernden und beruhigenden Kraft zu lebenssteigernder Harmonie zusammenzustimmen.
Es kann sich bei dem Ende des Gedichts (den letzten zwei Strophen) aber auch um einen Rückzug von der Welt handeln. Dieser Rückzug ist nicht nur ein nächtliches Ausruhen, das der Besinnung dient und zur Sammlung führt (oberflächlichen Menschen „veracht“ - verächtlich), wie in der ersten Fassung, sondern - nur in feinsten Variationen der Worte, aber im ganzen Ablauf des Gedichts sichtbar und hörbar - ein Abwehren der Welt, ein Sichabschließenwollen.

nach oben

Vergleich der ersten Fassung mit der zweiten

Beide Fassungen Goethes können als ein Gedicht für sich bestehen. An sich selbst und in sich selbst hat Goethe den Geist der beiden Zeitepochen „Sturm und Drang“ und „Klassik“ erfahren und ihn in seiner Lyrik Ausdruck verliehen. Für beide Epochen könnte man An den Mond als Beispiel heranziehen, da beide Gedichte von der gleichen Ausgangssituation ausgehen und das gleiche Thema haben. Im ersten Lied überwog unmittelbare Naturmagie und das ungestüme Sturm und Dranggefühl des Dichters, das sich in dem Aufzeichnen des Weges und der Entwicklung zeigt, im andern der Eindruck erinnerter Vergangenheit, „Nachklang froh’ und trüber Zeit“. Hier überwiegt die klassische Lebenseinsicht des reifen Goethe, eine Lebenseinsicht, der nicht mehr das unaufhaltsame, ungebändigte Dahinströmen und die Aufnahme vieler Einflüsse als Sinn und Ziel des Lebens erscheint, sondern die sich bei der Bewegung des Dahinströmens entstehenden Durchkreuzung der Bewegung und Gegenbewegung bewußt geworden ist.
Die Urfassung des Gedichts ist äußerlich um drei Strophen kürzer als die zweite Fassung. Sie besteht nur aus sechs anstelle der späteren neun Strophen. Aber in den beiden Anfangs- und in den beiden Schluß- Strophen stimmen beide Fassungen, von einzelnen Veränderungen abgesehen, überein. So kann man sagen, daß diese Anfangs- und Schlußstrophen als der eigentliche Grundstock des Gedichtes zu betrachten sind.
Die beiden ersten Strophen verlaufen wie früher. Die Wendung „‘s liebe Tal“ wird zu „Busch und Tal“ verändert und verliert damit den persönlichen Bezug. Bedeutungsvoll ist die Ersetzung der Liebsten durch den Freund. Das Liebesmotiv entfällt, während das Freundschaftsmotiv der zweitletzten Strophe sich nun frühzeitig abzeichnet. Für die fortgefallene Mittelstrophe mit dem Herz in Brand und dem Gespenstervergleich, die wegen der verschiedenen Anreden Unklarheiten enthielt, ergänzt sich die Letztfassung durch vier Strophen, die im alten Gedicht keine Entsprechung haben. In diesen vier Strophen kommt die rückblickende Erinnerung stärker zu Wort, ein Bedauern über erlittene Verluste. In diesem neuen Mittelteil würde melancholische Niedergeschlagenheit die Oberhand bekommen, wenn nicht ein neuer Gedanke gerade aus der Trauer über das Verlorene inneren Gewinn zu schöpfen wüßte. Das Ich in den Gedichten ist mit aufgenommen, ohne Fremdheit gegenüber den Dingen, ohne Furcht vor dem Elementaren. Selbst der Tod in der ersten Fassung trübt die Harmonie nicht: Der Mensch weiß sich so geborgen, daß er die Furcht, sich selbst zu verlieren, nicht kennt.
In der ersten Fassung ist der Bezug auf Charlotte - „der Liebsten Auge“ - und auf den herzoglichen Freund Karl August - „einen Mann am Busen hält“ - deutlich (das „du“ der drittletzten Strophe meint den Mond, das „ihr“ den Mond und die Geliebte). Der Vers „einen Freund am Busen hält“ in der zweiten Fassung verdeutlicht das Freundschaftsmotiv. In der zweiten Fassung kommt die schmerzliche Rückerinnerung an eine verlorene Liebe hinzu.

nach oben

Naturgedicht

Die Natur im Gedicht wird überwiegend als schön und freundlich dargestellt. Sie wird aber nur soweit personifiziert, damit ihr Dasein als Natur dem fühlenden Menschen gegenüber in Selbständigkeit, aber ohne Fremdheit, erscheint. Um lebendig zu erscheinen, muß die Natur nicht weiter personifiziert dargestellt werden. Diese Art der Vermenschlichung verhindert, daß die Natur im Gedicht die direkte Projektion der inneren Welt des Ichs darstellt. Das Ich ist mit sich allein, das heißt, daß die angeschaute Natur menschenleer ist. Einsamkeit und Unberührtheit sind wichtige Eigenschaften dieser Naturlandschaft. Die Natur begleitet hier nicht die Stimmungen des Ichs und ist nicht unbedingt dessen Spiegel. Vielmehr besteht zwischen der Gemütsverfassung des Ichs und dem Zustand der Natur am Gedichtanfang eine Spannung: Der Mond breitet ruhevoll und still sein Licht aus, wohingegen der Sprecher in Unruhe ist. Die geistige Bedeutung der Natur liegt in ihrer Vorankündigung von kommender Entwicklung.
In der ersten Fassung findet eine Polarisation zwischen Mond und Fluß statt. Der Fluß ist eine Verführung zum Tode. Das vereinsamte Ich des Sprechers entspricht dem Gespenst. Das Ich widersteht der Verführung zur gefährdenden Hingabe dadurch, daß es sich des eigenen Anspruchs vergewissert. Der aber richtet sich nicht darauf, mit der Natur zu verschmelzen, sondern auf eine produktive Beziehung, also auf menschliche Beziehungen, die im freien Spiel mit der Natur gleichsam vorweggenommen werden.
Die Strophen 3 - 6 der späteren Fassung bringen die Einsamkeit unter den Menschen zur Sprache, die im Gegensatz zum beredsamen Umgang mit der Natur steht. Die Verse variieren den Verlust der Empfindungsfähigkeit, der auf die erstarrende Wirkung der sozialen Welt zurückgeht.
Die Lösung und Heilung des Sprechers vollziehen sich in diesem Gedicht dadurch, daß das Ich seine eigene Sprache wiederfindet. Die Natur ist Partner eines Gesprächs, das auf die wörtlichen Rede der Dinge nicht angewiesen ist. Der Anteil der Natur beschränkt sich auf Zuhören und Verstehen. Da das Ich sich gehört weiß und verstanden fühlt, wird die Sprachlosigkeit aufgehoben. Es deutet sich ein Verhältnis an, wie es nur zwischen Menschen möglich ist und deshalb auch auf menschliche Verhältnisse hinweist.
Das lichte Tal im Mondglanz suggeriert eine stets offene Zuflucht und ein immer gültiges Angebot an Liebe und Ruhe. Die Gewißheit dieser Beziehung wird angedeutet durch die Wortwahl: z.B. „Füllest wieder“, „Lösest endlich“ und „Breitest lindernd“ sind betont, sie zeigen die Vertrautheit des Sprechers mit der Natur.
Durch das agierende Dasein der Natur im Gedicht ist die Perspektive des Gedichts nicht auf die Selbstbetrachtung des Leidenden beschränkt.
Die Landschaft wird in den Strophen 1, 2, 4, 6 und 7 erwähnt. Hierbei handelt es sich jeweils - mit Ausnahme der ersten und zweiten Strophe - um ein Bild eines ständig fließenden Flusses.
Der Mond wird explizit in keiner der fünf landschsaftsbeschreibenden Strophen erwähnt. Nur in den ersten beiden Strophen wird er direkt angeredet, allerdings nicht mit Namen oder Pronomen. Durch die Überschrift „An den Mond“ wird deutlich, daß es sich tatsächlich um den Mond handelt, der in diesem nächtlichen Zwiegespräch angesprochen wird.
Der Mond im Gedicht ist personifiziert als ruhiger, alles durchscheinender und ausfüllender Freund, der über das Schicksal wacht. Diese Ruhe, die der Mond ausstrahlt, findet sich auch in den ruhigen, regelmäßigen, getragenen Strophen wieder.
Im Gegensatz zum ruhigen Mond ist der in den Strophen 4, 6 und 7 erwähnte Fluß schnell dahinfließend. Dies wird auch am Satzbau in den Strophen 4 und 6 deutlich, wenn vom Fluß die Rede ist. Dort ist der jeweils erste Vers durch die zwei Kommata stärker unterbrochen und betont als in den Strophen, in denen mit Ausnahme von Strophe 8 und 9 mit jeweils einem Komma, keine Kommata gesetzt sind.
Außerdem wird der Fluß in den drei Strophen, in denen er erwähnt wird, immer direkt angesprochen: In Strophe 4 mit „lieber Fluß“, in Strophe 6 mit „Fluß“ und in Strophe 7 mit „du“. Hierdurch scheint eine geringere Distanz des Sprechers zum Fluß, im Gegensatz zur größeren Distanz zum Mond, angezeigt zu werden. Außerdem herrscht wahrscheinlich eine größere Identifikation mit dem Fluß vor.
Im Gegensatz zu dem still betrachtenden Mond in Strophe 2 interagiert der Fluß in Strophe 6 mit dem Sprecher: „flüßtre meinem Sang/ Melodien zu“. Auf diese Strophe folgt die einzige (7.) Strophe, die anscheinend nur der Natur gewidmet ist. Auch durch diese Sonderstellung wird die Bedeutung des Flusses weiter betont. Der Fluß wird hier eine selbständige Persönlichkeit, die ganz über die sonst immer wieder auftauchende Person des Sprechers gehoben wird. Auf diesen Sieg der Natur über den Sprecher wird von Beginn des Gedichtes an hingearbeitet. In Strophe 1 ist der Mond Grund der Betrachtungen und des Gefühlszustandes, in der zweiten Strophe findet die bereits erwähnte Personifikation des Mondes als Freund statt, hier noch nicht mehr als ein Auge. In Strophe 4 werden mit Hilfe des Verbs „verrauschte“ die Gedanken und Erinnerungen des Sprechers mit der Bewegung des Flusses verbunden. In Strophe 6 erhält die schon sehende Natur eine Stimme durch den Fluß, und in Strophe 7 schließlich wird sie zu einem Empfindungen habenden, „wütend“en Wesen. In dieser 7. Strophe scheint das Gedicht auch seinen Höhepunkt zu haben.
Die zwei folgenden, letzten Strophen, die durch einen einzigen Satz konstituiert werden, bilden einen zusammenfassenden, ruhigen Ausklang, der gemeinsam mit den ebenfalls aus einem Satz bestehenden ersten beiden Strophen den unruhigeren Teil mit seinem Wechsel von Innenleben und äußeren Gegebenheiten umklammert.
Dieser Wechsel manifestiert sich ebenfalls an der Länge der Sätze. Durch einen einzigen Satz noch gebildet ist die Strophe 3, Strophe 4 und 5 bestehen aus jeweils zwei Sätzen, wobei es in Strophe 4 ein Ausruf und eine Aussage sind, in Strophe 5 handelt es sich um zwei Ausrufe.

nach oben

Literaturverzeichnis

Ähnliche Themen

 

Mehr zu Gedichten:

Anleitung zur Analyse und Interpretation von Gedichten

Rhetorische Mittel / Stilmittel (Übersicht)

Frühlingsgedichte

 

Mehr zu Goethe:

Aufgaben und Notizen (Vorbereitung einer Analyse und Interpretation) zum Gedicht "Prometheus"

Gedicht: "Willkommen und Abschied"

Die Margaretenhandlung in Faust I

Der Text des Dramas - Goethes "Faust I " zum Online-Lesen

 

Weitere Beispiele für Facharbeiten und Seminararbeiten:

Äußere und innere gliedernde Elemente in Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund

Die V-Effekte in Bertolt Brechts 'Mutter Courage und ihre Kinder'

Kafkas Aphorismen

Kate Chopin: The Awakening - A naturalist novel?

Sprachentwicklung und Sprachgebrauch von Kindern und Jugendlichen

Theorie der Schulreform

 

Mehr zum Seminarfach:

Themen für Facharbeiten

Methodische und formale Hinweise zur Erstellung der Facharbeit

Hilfen und Übungen zum Umgang mit der Textverarbeitung (Word) [doc, 2,14MB]

Weitere Informationen und offizielle Vorgaben auf der Übersichtsseite zum Seminarfach

 

Weiterführende Internetlinks:

WikiMindMap zum Thema Lyrik

Meine Linksammlung zu Johann Wolfgang von Goethe

Meine Linksammlung zum Thema Gedichte

Beispiele für Gedichtinterpretationen (bei lyrik.antikoerperchen.de)


Service-/Hilfsnavigation (Shortcuts / Accesskeys in Klammern - Erläuterung in der Hilfe):
Startseite (0) | Kalender | Aktuelles | Unterricht | Materialien | Für Eltern | Linksammlung | Kontakt (9) | Suche (7) | Inhaltsverzeichnis (6) | Übergeordnete Ebene: Gedichte: Übersicht (5) | Hilfe (1)

Drucken